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Einheiz-Gewerkschaft

Noch ehe die Auswirkungen des neuen Streiks der GDL deutlich werden, scheint eines klar: Die Politik will die Einheitsgewerkschaft. Einheitsfeier, Einheitsbürger, Einheitsgewerkschaft… Endlich alles einheitlich. Der Vielfalt der Gesellschaft wird das nicht gerecht. Das ausgerechnet die SPD die Tarifeinheit hochleben lässt, wundert indes nicht. Für die Teilentmachtung der Gewerkschaften beim Mindestlohn muss die Vorfeldorganisation doch entschädigt werden. Deshalb schaltet man die Konkurrenz der DGB-Gewerkschaften am besten aus. Es lebe der Alleinvertretungsanspruch des DGB. Nieder mit der Koalitionsfreiheit. Wer braucht das Grundgesetz, wenn er eine A. Nahles hat. Das Staatsunternehmen Bahn nimmt die Forderung gleich vorweg und fordert in ihrem all zu schlichten Schlichtungsvorschlag einen Verzicht der GDL auf autonome Aktivitäten im Rahmen der Koalitionsfreiheit. Kein Wunder, dass die GDL da gerne noch ein Wort mitreden möchte.

Die Kunden der Bahn sind derweil daran gewöhnt, dass kaum ein wichtiger Zug pünktlich zu kommen scheint. Deshalb kann die Bahn auch darauf verzichten, im Streit versöhnlich zu sein. Schlechter kann auch ihr Image nicht werden. Einstweilen ist ihre Presseabteilung offenkundig damit befasst, den Nahkampf mit den Protagonisten zu befeuern. Ich weiß, wo Dein Gewerkschaftsvorsitzender wohnt, prahlt der Boulevard. Wie schön wären doch Bilder aufgebrachter Bahnkunden, die den “Bahnsinnigen” die Fenster einschlagen oder gleich ganz zu Leibe rücken.

Der aufgeklärte Bürger wähnt sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt. Seinerzeit waren Industriemagnaten und Arbeiterführer auch um kein markiges Wort verlegen. Medial verstärkt wirkt jede einzelne Interessengruppe vielfach vergrößert.

Was spricht eigentlich dagegen, die Vertragsfreiheit bei der Bahn ernst zu nehmen? Warum sollen den die Angestellten dort keine individuell ausgehandelten Verträge haben, wie sie schon die Arbeiter im biblischen Weinberg kannten. Würde das die Personalabteilungen überfordern? Könnten die Gewerkschaften denn dann keine Musterverträge bereitstellen, wie es das Internet, der Buchhandel und mancherorts sogar der Schreibwarenhandel für Millionen Mietvertragsunterzeichner tut.

Die Regelungsdichte im Arbeits- und Tarifrecht ist in Deutschland so hoch, dass da außer um Einkommensverbesserungen nichts mehr verhandelt werden muss. Dazu scheint doch der Betriebsrat eines Unternehmens wie der Bahn gut gerüstet.

Schon lange dürfen die Bahner dank des technischen Fortschritt ihre Lokomotiven nicht mehr einheizen. Demnächst werden sie auch den Arbeitgebern nicht mehr einheizen können, weil sie sich in die Bedeutungslosigkeit gekämpft haben und seit der Reisefreiheit für Fernbusse auch komfortable Alternativen ergeben haben, die sich wachsender Beliebtheit erfreuen.

Vielleicht ist das schon einer der letzten Tarifauseinandersetzungen, die noch mit der zunehmend stumpfen Waffe des Streiks ausgefochten wird. Die Individualisierung der Arbeitswelt schreitet voran. Organisierte Selbstbestimmung statt fremdgesteuerte Mitbestimmung scheint gefragt.Daran führen auch die Rückzugsgefechte von Gewerkschaftsnostalgikern und ihren parlamentarischen Zuträgern nicht vorbei. Sicher mögen die Einschränkungen für die Kunden der Bahn durch die Leistungsverweigerung der Mitarbeiter ärgerlich und volkswirtschaftlich schädlich sein. Die Auseinandersetzung, die außer den Beteiligten kaum einer für nötig hält, lässt die Fragwürdigkeit starrer Verhandlungsfronten offen zu Tage treten.

Wenn Deutschland neben Bahn- und Flughäfen demnächst auch keine Verträge mehr zum Abschluss bringt, ist das Niveau endlich in noch mehr Bereichen auf niedrigstem Niveau angelangt und der Wettbewerb der starken Bewerber findet in einer anderen Liga statt. Nicht nur in Asien fahren Züge längst ohne Lokführer …