Schlagwort-Archiv: Diskriminierung

Der Staat ist für den Menschen da, nicht umgekehrt.

In der aktuellen Fragen, wer wen heiraten darf, wird immer das Verdikt “Die Ehe ist die Keimzelle des Staates” bemüht. Dieser Satz ist populärer Unsinn, der insbesondere von Etatisten und Konservativen gepflegt. Die Ehe allein bringt gar nichts hervor. Erst, wenn sich beide Partner fortpflanzen, gehen aus der Verbindung Nachfahren hervor. Der Geschlechtsakt ist die Keimzelle der Gesellschaft? Diese Variante zeigt, wie grotesk die Behauptung ist. Die Natur braucht das Ritual Eheschließung nicht. Selbst beim Menschen findet und fand der Paarungsakt schon vor dem je nach Geschmack kirchlichen oder staatlichen Segen statt. Die romantische Vorstellung der Ehe existiert erst seit dem 19. Jahrhundert. Bis dahin gab es für weite Teile der Gesellschaft Heiratsverbote und -beschränkungen, z.B. für Leibeigene und Bedienstete. Fürsten dagegen, die nur aus dynastischen Gründen heirateten, hielten sich vielfach eine “Ehefrau zur linken Hand”. Selbst die Herren, die sogar zum katholischen Glauben übertraten, um einen krönenden Kopfschmuck zu erhalten wie etwa August der Starke von Sachsen, König von Polen, hielten sich Nebenfrauen ganz ohne Zweitehe. Wenn deutsche Konservative den Schutz der Ehe betonen, übersehen sie vielfach, dass die Öffnung der Ehe keinesfalls eine Bedrohung der Ehe, sondern vielmehr ihr Siegeszug ist. Wenn Homosexuelle die Ehe schließen, akzeptieren sie eine früher abgelehnte Form der Verantwortungsübernahme. Das übrigens hat den britischen Premierminister Cameron bewegt, die Öffnung der Ehe mit Billigung der Queen als Oberhaupt der Kirche von England zuzulassen.
Doch zurück zum Ausgangssatz. Er rechtfertigt das Eheverbot und die Diskriminierung Homosexueller nicht. Mit dieser Feststellung müssen sich auch Konservative abfinden. Die Tatsache, dass die meisten Reaktionäre sich mit der Oder-Neiße-Linie abgefunden haben, macht da Hoffnung. Der Staat ist ein abstrakter Kollektivbegriff. Er wird aus Individuen (Staatsvolk) einem und Staatsgebiet gebildet. Aus welcher Ehe ist eigentlich der Vatikan hervorgegangen? Kein Staat braucht das Institut der Ehe für seine Existenz. Die apodiktische Behauptung soll Verteidiger des veralteten Ehebegriffs stärken. Sie tut es nicht wirklich. Wenn im biblischen Buch Levitikus 20.13 davon die Rede ist, dass das Zusammenliegen zweier Männer dem Herren ein Gräuel ist, dann ist damit zunächst kein himmlischer Herr gemeint. Gemeint ist der Patriarch, das Sippenoberhaupt, dem durch die unfruchtbare Verbindung zweier Männer die Vergrößerung seiner Sippe versagt bleibt. Von der Größe der Sippe hing aber in vorchristlicher Zeit die Bedeutung und Macht eines jeden Herrschers aus. Es ging gewissermaßen einmal mehr darum, wer den Größten hat; in diesem Fall den größten Stamm mit den meisten Kriegern. Menschen, die ihre Mitbürger heute noch als Landeskinder und ausschließlich als Steuerzahler betrachten, scheinen diesem archaischen Staats- und Menschenbild noch immer anzuhängen. Die Zeiten, in denen die Menschen nur für den Staat da waren, sind lange überwunden. Der moderne Staat dient den Menschen, die in ihm leben und ihn ausmachen. Wir sind keine Staatsdiener.

Verschwörung? Ohne mich?

Artgenossen! Nur im Schutze des 1. April ist mir die nachfolgende Meinungsäußerung möglich: Deutschland hat sich verschworen! Ganz Deutschland? Nein, nicht ganz Deutschland. Eine meinungsstarke Mehrheit von 52 Prozent leistet mutig Widerstand.

Obwohl Gesetze und Verordnungen erlassen, Beauftragte und Abteilungen dagegen mobilisiert wurden, Lehrstühle, Studien und Statistiken dafür in die Welt gesetzt worden sind, die Verschwörung scheint nicht zu stoppen.

Manche mögen längst ahnen, worum es geht. Für Ahnungslose sei das Phänomen hier entlarvt: Der antifeminie Affekt, die misogyne Weltverschwörung.

Eine Bevölkerungsminderheit hat sich zusammengetan, um die Bevölkerungsmehrheit systematisch von den Fleischtöpfen fernzuhalten oder an die Fleischtöpfe und damit den heimischen Herd zurückzuschicken.Ich bin mir da nicht so sicher. Ich war nämlich nicht dabei, als “die” Männer sich verschworen haben. Wahrscheinlich war ich am Schreibtisch, vor dem Fernseher oder bei einer Kulturveranstaltung.

Auf jeden Fall mache ich da nicht mit. Ich bin nicht zu überzeugen, dass es eine wie auch immer motivierte oder durch eine biologisch determinierte Verschwörung “der” Männer zur Diskrimierung “der” Frauen gibt. Es kann sein, dass Einzelpersonen andere Einzelpersonen diskriminieren. Ich bin aber nicht davon überzeugt, dass dabei die primären oder sekundären Geschlechtsmerkmale zwangsläufig ursächlich für die Diskriminierung sind. Die Forschung zur Diskriminierung “der” Frauen sucht nach meinem Eindruck mit einseitigem Erkenntnisinteresse nach Belegen für ihre Behauptung, ignoriert Indizien, die gegen die These sprechen, und akzeptiert dabei apodiktisch eine heteronormative Bipolarität menschlicher Geschlechtlichkeit, die verhaltensleitend sei.

Die Hirnforschung dagegen sieht keine signifikanten Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen. Mehr noch: Sie hält jedes Gehirn für einzigartig.

Es soll sogar Männer geben, die denken, manchmal sogar ähnlich Denken wie Frauen und weniger wie ihre Y-fachen Kameraden.

Ich bleibe Anhänger des normativen Individualismus. Ich halte nichts davon, Menschen nach ihrer Gruppenzugehörigkeit zu beurteilen oder gar alte Diskriminierungen nach Schubladen durch neue zu ersetzen. Ich halte aber auch bekannte Tatsachen zum “Problem Mann” nicht für trivial. Auf jeden Fall nicht für so trivial, dass man es auf dem Niveau der 1970er Jahre diskutieren sollte.

Die Mehrheit der Inhaftierten sind Männer. Wo ist die Selbstmordrate am höchsten? Bei den Männern. Und deshalb muss unbedingt mehr getan werden – und zwar für die Frauen. Warum? Nach allem, was wir wissen, sind wohl alle Mütter Frauen. (Unfassbar: Selbst Alleinherrscher wie Nero und Napoleon sollen von Frauen geboren worden sein.) Die Bildung und Erziehung in Kitas liegt zu weit über 90 Prozent in weiblichen Händen. Selbst in der Grundschule sind die weiblichen Lehrkörper in der Mehrheit. Und doch erzieht all diese Weiblichkeit ihren männlichen Nachwuchs offenbar zu Diskriminierung, Gewalttätigkeit, Kriminalität und Lebensmüdigkeit.

Da stimmt doch etwas nicht. Sie finden das lächerlich? Tun Sie sich keinen Zwang an. Mir wäre lieber, jemand könnte erklären, wie es trotz des großen Einflusses durch Frauen zu solch bedauerlichen Phänomenen kommt. Wenn der Mensch keinen freien Willen hätte, wäre es ganz schlecht um uns bestellt. Dann könnten zum Beispiel Männer gar nicht anders als sich in die Rolle des Unterdrückers und Frauen gar nicht anders als sich in die Opferrolle gedrängt sehen. Diesem betrüblichen sexistisch-biologistischen Determinismus möchte ich aber keinen Raum geben.

Ich möchte mich nicht für alle gruppenspezifischen Diskriminierungen verantwortlich machen lassen, nur weil ich einer Gruppe, z.B. der weißen mitteleuropäischen Männer, zugerechnet werde, auf der angeblich die Erbsünde der Diskriminierung, Kolonialisierung und Unterwerfung lastet. Obwohl ich zu alledem nichts beigetragen habe und mir schon mit Blick auf meinen Blutdruck jede Neigung zu den genannten Verhaltensweisen fehlt.

Ich ziehe mich auch nicht unter die „gläserne Decke“ zurück, die angeblich Frauen von höheren Aufgaben in Leitungsgremien von Unternehmen abhält. Von einem gläsernen Fußboden, der Frauen von der Tätigkeit im Tief- und Bergbau abhält, halte ich allerdings auch nichts.

Vielleicht tun wir einmal etwas ganz Verrücktes: Wir bewerten Individuen nach ihren herausragenden individuellen … Fähigkeiten. Dabei mag manche Einzelperson durch ihre evolutionär einseitig auf Erbgutübertragung entwickelte Disposition von mancher Äußerlichkeit abgelenkt werden, aber es lohnt sich.

Und während ich weiter darüber nachsinne, weshalb ich zur Hauptversammlung der frauenfeindlichen Weltverschwörung aller Träger des Y-Chromosoms nicht eingeladen wurde,läuft mein Radio. Milva singt: „Wer wird als Mann denn schon geboren? Man wird zum Mann doch erst gemacht.“ Oder so ähnlich.