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Kleidung beliebig, aber erwünscht

Männliche Piloten müssen keine Dienstmütze tragen, wenn ihre Kolleginnen nicht ebenso dazu aufgefordert sind. So eine neue Gerichtsentscheidung. Schon ist von einem Kopftuchurteil für Piloten die Rede, wo es doch nur um Gleichstellung zwischen Frau und Mann geht.

Nun hat seit der letzten Aufregung über den Umgang mit Kopftüchern im öffentlichen Raum und Dienst kein Heer von Kopftuchträgerinnen deutsche Amtsräume geflutet.

Als aufgeklärter Liberaler lehne ich es ab, eine Textilie, selbst wenn sie auf dem Kopf getragen wird, als Ausdruck von Religion zu betrachten. Selbst eine Landesfahne ist „nur“ gewebter oder bedruckter Stoff. Erst die Aufladung mit einer Eigenschaft, die sie materiell gar nicht hat, macht sie zum Problem.

Ein religiös neutraler Staat wägt Gesetze und Vorschriften nach objektiven Kriterien ab. Die Zumessung einer Produkteigenschaft im metaphysischen Bereich ist nicht objektivierbar.

Bei dem Versuch festzustellen, welche stoffliche Zusammensetzung eine afghanische Burka hat, fiel mir auf, dass im Internet preiswerte Modelle mit dem Hinweis „ohne Etikett“ schon ab 40 Euro zu haben sind. Nun weiß ich nicht, was den Anbieter zum Verzicht auf das Wäschezeichen bewegt hat. Grund war sicher nicht, dass neben Baumwolle, Polyester oder weiteren erwartbaren Angaben zum Gewebe auch „Gottes Segen“ oder „Mohammeds Moral“ aufgedruckt gewesen wäre.

Feststeht: In Kirchen ist es außer Priestern und Uniformträgern Männern in der Regel nicht gestattet, Kopfbedeckungen zu tragen. In Synagogen dagegen sind sie gehalten, das Haupt zu bedecken. Frauen müssen ihr Haar in Moscheen bedecken. Von allen wird erwartet, dort – ähnlich wie in mancher Wohnung im Prenzlauer Berg – die Schuhe auszuziehen. Wenn also Religionsgemeinschaften in ihren geschützten Räumen Kleidervorschriften machen, sollten sie sich nicht wundern, wenn „der Staat“ sein „Hausrecht“ für den öffentlichen Raum wahrnimmt und Regelungen trifft, die Personen in öffentlicher Funktion gewisse Einschränkungen bei der Oberbekleidung abverlangt.

Kemal Atatürk hat – so sagt die Legende – das Kopftuchtragen in der Türkei mit der Vorschrift beendet, dass Frauen tragen dürfen, was ihnen gefällt, Prostituierte aber gehalten seien, Schleier zu tragen. Auch eine Idee. Wir aber haben keine Reichskleiderordnung – zum Glück.

Beim dienstlichen Wirken im öffentlichen Raum sind vielfach Vorgaben erforderlich und vertretbar.

Auf Behörden geht es auch um die Identifizierbarkeit des „Kunden“. Am Flughafen von Beirut habe ich beobachtet, wie die Pässe vollverschleierter Frauen kontrolliert werden: Optisch abgeschirmt durch zwei links und rechts positionierte Frauen hat die Passagierin ihren Schleier gelüftet und die unverschleierte Beamtin konnte sich von der Übereinstimmung von Passbild und Inhaberin des Dokuments überzeugen.

Polizeibeamte sind Vertreter des Staates. Ihre private religiöse Haltung steht hinter dieser öffentlichen Funktion zurück. Sie sind auf die Verfassung vereidigt, nicht auf Ihr Bekenntnis, das sie außerdienstlich umfassend pflegen und durch welchen Kopfschmuck (Federbusch der Sioux, Hörner der Wikinger, Kippa, Schleier etc.) auch immer optisch präsentieren dürfen.

Der Arbeitgeber sollte seinen Arbeitnehmern abverlangen können, dass sie sich im Kundenverkehr nicht vermummen, aber auch nicht nackt gegenüber treten, nur weil eine Naturreligion ihnen das vorschriebe.

Da gibt es vieles, was auch in der Privatwirtschaft fernab einer behaupteten Verletzung der Religionsfreiheit möglich ist. Es gibt Banken, in denen das Tragen von Motorradhelmen verboten ist (Hausrecht). Wenn mir eine Religion sagte, ich müsste mein Haupt öffentlich entblößt halten und ich wäre Chirurg, hätte ich dennoch bei Operationen Haube und Mundschutz zu tragen. Das religiöse Dogma träte hinter den Vorgaben der Hygiene zurück. Außerhalb der Karnevalszeit wäre ein Bankberater, der eine Narrenkappe trägt, nicht sonderlich vertrauenserweckend. Kein Gericht hierzulande fände es wohl unangemessen, ihm die Kostümierung zu untersagen.

Wenn der aufgeklärte Staat es ablehnt, Äußerlichkeiten eine religiöse Bedeutung beizumessen, wäre manches öffentliche Bekenntnis, das der Abgrenzung dient, schnell neutralisiert und gerade dadurch geschützt.

Für Menschen dagegen, die im öffentlichen Raum außerhalb von Badeanstalten oder ähnlichem privat in Erscheinung treten, sollte die großzügige Regel bei Einladung des Bundespräsidenten Heinemann gelten: Kleidung beliebig, aber erwünscht.