Bitte Abstand halten

Deutsche Geschichtswissenschaftler suchen bei der professionellen Begleitung und Darstellung des Weltgeschehens seit je nach Antworten auf die Frage, die der – modern gesprochen – “Starhistoriker” Leopold von Ranke vor mehr als 100 Jahren auf die programmatische Formel gebracht hat, nämlich festzustellen, “wie es eigentlich gewesen.” Das zwingt die Chronisten zum Bruch mit menschlichen Konventionen. Wie beispielsweise soll Wesen und Wirken einer Persönlichkeit der Gegenwartsgeschichte beurteilt werden, wenn über Verstorbene nur Gutes geschrieben werden soll. Pietät und Wissenschaftlichkeit gebieten Abstand zum Geschehen. Professioniell sein, heißt hier, das Handeln historisch wirkender Charaktere aus der Zeit heraus zu verstehen, nicht mit den Maßstäben des erzielten Fortschritts zu messen und nie den Fehler zu begehen, Geschichte als zwangsläufigen und damit linearen Prozess zu begreifen. Nicht urteilen oder verurteilen, sondern andern die Basis von Meinungsbildung vermitteln. Wer Hagiographie (Heiligengeschichtsschreibung) und Panegyirk (Günstlingsschrifttum) vermeiden will, muss versuchen, sich emotional, rational und vielleicht auch zeitlich vom Geschehen zu distanzieren und zu differenzieren. Das gelingt mitunter selbst Journalisten, auch wenn sie in der Regel kaum Zeit zur zeitlichen Distanz haben. Viele von Ihnen haben als Geschichtswissenschaftler begonnen. Die Herausforderung bleibt, Geschichte intersubjektiv nachvollziehbar zu beschreiben, nicht selbst Geschichte machen zu wollen. Menschen, die Geschichte schreiben, sind jedenfalls selten Geschichtsschreiber.So birgt die Geschichte immer die Chance neuer Erkenntnis. Halten wir Abstand.