Archiv für den Monat: April 2016

Beta-Blogger gefragt

Die Digitalisierung ist in aller Munde. Sie fordert Offenheit für Neues, Innovationsgeist und den Willen zum optimistischen Aufbruch in die Zukunft. Die Bundesrepublik droht hier den Anschluss zu verlieren. In einigen Landesteilen hatte sie ihn offenbar nie. Ich erinnere nur an die unendlich erscheinende Debatte um das Breitband für den ländlichen Raum. Ihre zeitliche Ausdehnung zeigt schon, welche Probleme die Republik tatsächlich bewegen. Bürokratie, deren Informationslaufzeiten schon im Postkutschenzeitalter nicht konkurrenzgfähig gewesen wäre, mach den Weg zur Industrie 4.0 sicher nicht frei. Ihr fehlt die politische Ansage, sich als Diener der unternehmungslustigen Bürgerschaft zu verstehen. Stattdessen steckt sie in obrigkeitsstaatlicher Regulierungswut.

Da wird es schwer, positive Versuchsreihen für neue Ideen zu starten. Die deutsche Verwaltung scheut die Methode, die Edison bis zur Glühbirne gebracht: Es immer und immer wieder zu versuchen, wenn eine Idee überzeugt hat. Bürokratie arbeitet nicht nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Sie setzt Regeln um. Sie muss nichts versuchen. Die Bürokratie ist sich gewiss: Sie irrt nie. Versuchsfelder werden von Politikern gerne eröffnet. Die Ergebnisse zum Beispiel von Schulversuchen finden aber selten den Weg in die Realität. Nach dem Abschluss von Schulversuchen jagen Politiker nach neuen aufmerksamkeitssteigernden Ideen und die Verwaltung setzt alles daran, Alles beim Alten zu belassen. Versuchsergebnisse stören da scheinbar vielfach nur die Abläufe. Die Idee der Beta-Republik fällt hier auf kargen Boden. Hier wird nur Perfektes an den Markt gebracht. Da bleibt wenig Raum für das Risiko zu scheitern, auch wenn man aus dem Scheitern lernen könnte, um es beim nächsten Mal besser zu machen.

Die Republik wird von Beta-Block(ier)ern regiert. Andere Regionen Europas sehen ihre Chancen. Inseln wie Malta könnten sichere Häfen für die Daten-Cloud sein. Wer weiß, ob sie sich dessen nicht längst bewusst sind. Mittelmeerinseln können hier besonders für Investitionen aus instabilen Weltregionen, die ja auch am Mittelmeer liegen interessant sein. Es sollte unnötig sein, darauf hinzuweisen, dass die Dynamik der Internet- und Kommunikationsbranche eine entscheidende Rolle für die Volkswirtschaft spielt. Aber in Deutschland herrscht Skepsis vor.

Die Linke fabuliert lieber über den Rohstoffkrieg, die angebliche Ausbeutung der Entwicklungsländer. Viele Initiativen der früheren Wirtschaftsminister und auch des Ministers für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zielten darauf ab, Handelshemmnisse und Markteintrittsschwellen erheblich zu senken. Damit ergeben sich für Entwicklungs- und Schwellenländer erhebliche Chancen.

Die Digitalisierungsinitiative nutzt die neuen Technologien und Plattformen, um die Wettbewerbsfähigkeit der Länderpaare zu steigern und durch internationale Vernetzung Wohlstand zu schaffen. Andere warnen lieber vor den Chancen von Technologien. Wer hat nicht noch die Handy-Warnung der Grünen im Ohr?

Bedenkenträgerei ermutigt nicht zum Aufbruch in die Zukunft. Wie heißt es doch so schön: Was ist ein richtiger Deutscher? Ein Deutscher ist ein Möchtegern-Amerikaner, der sich nicht traute, auf ein Schiff zu steigen, um in neue Welten aufzubrechen. Wie wahr. Also, alle Mann in die Boote (Frauen und Kinder zuerst) und auf zu neuen Ufern. Zukunft beginnt im Kopf. Sehen und packen wir die Gelegenheit beim Schopf. Argumente und Engagement für Neues ist gefragt. Dann klappt es auch mit der Digitalisierung.

Bitte Abstand halten

Deutsche Geschichtswissenschaftler suchen bei der professionellen Begleitung und Darstellung des Weltgeschehens seit je nach Antworten auf die Frage, die der – modern gesprochen – “Starhistoriker” Leopold von Ranke vor mehr als 100 Jahren auf die programmatische Formel gebracht hat, nämlich festzustellen, “wie es eigentlich gewesen.” Das zwingt die Chronisten zum Bruch mit menschlichen Konventionen. Wie beispielsweise soll Wesen und Wirken einer Persönlichkeit der Gegenwartsgeschichte beurteilt werden, wenn über Verstorbene nur Gutes geschrieben werden soll. Pietät und Wissenschaftlichkeit gebieten Abstand zum Geschehen. Professioniell sein, heißt hier, das Handeln historisch wirkender Charaktere aus der Zeit heraus zu verstehen, nicht mit den Maßstäben des erzielten Fortschritts zu messen und nie den Fehler zu begehen, Geschichte als zwangsläufigen und damit linearen Prozess zu begreifen. Nicht urteilen oder verurteilen, sondern andern die Basis von Meinungsbildung vermitteln. Wer Hagiographie (Heiligengeschichtsschreibung) und Panegyirk (Günstlingsschrifttum) vermeiden will, muss versuchen, sich emotional, rational und vielleicht auch zeitlich vom Geschehen zu distanzieren und zu differenzieren. Das gelingt mitunter selbst Journalisten, auch wenn sie in der Regel kaum Zeit zur zeitlichen Distanz haben. Viele von Ihnen haben als Geschichtswissenschaftler begonnen. Die Herausforderung bleibt, Geschichte intersubjektiv nachvollziehbar zu beschreiben, nicht selbst Geschichte machen zu wollen. Menschen, die Geschichte schreiben, sind jedenfalls selten Geschichtsschreiber.So birgt die Geschichte immer die Chance neuer Erkenntnis. Halten wir Abstand.