Archiv für den Monat: April 2015

Was gehört zu Deutschland?

Seit Christian Wulff die Frage “Gehört der Islam zu Deutschland?” erstmals positiv beantwortet hat, frage ich mich, welchen Nutzen diese Meinungsäußerung hatte.Sie hinterlässt wie manche Äußerung vor allem eines: Ratlosigkeit. Was heißt es, wenn etwas zu Deutschland gehört? Wer entscheidet, was zu Deutschland gehört? Gibt es auf die Frage überhaupt eine allgemein gültige, verbindliche Antwort? Was bedeutet die Aussage für die konkrete Politik?
Was wäre die Konsequenz aus der Behauptung “Der Islam gehört nicht zu Deutschland?

Die Meinungsäußerung des temporären Staatsoberhaupts mag eine freundliche Geste gegenüber muslimischen Bürgern gewesen sein. Probleme, die deutsche Muslime oder Muslime in Deutschland mit deutschen Christen oder Andersgläubigen und umgekehrt haben, löst die Antwort nicht unmittelbar.

Im modernen säkularen Verfassungsstaat tut die Religion im Grunde nichts zur Sache. Die Werte den Grundgesetzes bestimmen die Hausordnung für das Zusammenleben im Land. Die Religionsfreiheit: Glaub was Du willst. Wenn Du willst sogar gar nichts. Bete zu Gott, aber spiele nicht Gott. Verehre ein ein-, drei- vielfältiges höheres Wesen, aber stelle es nicht über die staatliche Ordnung.

Die Tatsachenfeststellung, der Atheismus gehöre zu Deutschland, wäre sicher nicht minder berechtigt. Sie würde wahrscheinlich ähnlich diskutiert. Die Tatsache, dass immer mehr Menschen die Steuergemeinschaft der Christlichen Kirchen verlassen haben, scheint die Republik nicht in ihren Grundfesten zu erschüttern. Warum auch?

Die Feststellung, irgendetwas gehöre zu irgendetwas, ist pauschal gesprochen ziemlich nutzlos zumindest aber – politisch gesprochen – wenig hilfreich. Wenn sie überhaupt etwas Konkretes besagt, spaltet sie ehr anstatt tatsächlich zu integrieren.

Hat die Frage und die Antwort darauf also Sinn? Ich denke nicht. Gleichwohl gehört, die Gewohnheit, solche Fragen zu beantworten, irgendwie auch zum Denken hierzulande. Wie sagte ein Engländer einst über deutsche Philosophen: Sie suchen nach dem Sinn des Lebens und wenn sie ihn gefunden haben, fragen sie nach seinem Sinn.

So eröffnet jede scheinbare Antwort neue Fragen. Was also gehört zu Deutschland? Vieles, aber viel zu selten die Bereitschaft Vielfalt in ihrem Wert und als Bereicherung anzunehmen.

Wenden wir uns also von den aufregenden Worthülsen aus Sonntagsreden, den Alltagsproblemen der Menschen zu. Sie sind jede geistige Anstrengung wert. Haarspaltereien um scheinbar triviale Feststellungen, die sich bei näherer Betrachtung als nutzlos erscheinen, lohnen kaum der Überlegung. Deutschland hat wichtigeres zu tun, als Menschen in Gruppen zu sortieren, sie ein- oder auszugrenzen.

Verschwörung? Ohne mich?

Artgenossen! Nur im Schutze des 1. April ist mir die nachfolgende Meinungsäußerung möglich: Deutschland hat sich verschworen! Ganz Deutschland? Nein, nicht ganz Deutschland. Eine meinungsstarke Mehrheit von 52 Prozent leistet mutig Widerstand.

Obwohl Gesetze und Verordnungen erlassen, Beauftragte und Abteilungen dagegen mobilisiert wurden, Lehrstühle, Studien und Statistiken dafür in die Welt gesetzt worden sind, die Verschwörung scheint nicht zu stoppen.

Manche mögen längst ahnen, worum es geht. Für Ahnungslose sei das Phänomen hier entlarvt: Der antifeminie Affekt, die misogyne Weltverschwörung.

Eine Bevölkerungsminderheit hat sich zusammengetan, um die Bevölkerungsmehrheit systematisch von den Fleischtöpfen fernzuhalten oder an die Fleischtöpfe und damit den heimischen Herd zurückzuschicken.Ich bin mir da nicht so sicher. Ich war nämlich nicht dabei, als “die” Männer sich verschworen haben. Wahrscheinlich war ich am Schreibtisch, vor dem Fernseher oder bei einer Kulturveranstaltung.

Auf jeden Fall mache ich da nicht mit. Ich bin nicht zu überzeugen, dass es eine wie auch immer motivierte oder durch eine biologisch determinierte Verschwörung “der” Männer zur Diskrimierung “der” Frauen gibt. Es kann sein, dass Einzelpersonen andere Einzelpersonen diskriminieren. Ich bin aber nicht davon überzeugt, dass dabei die primären oder sekundären Geschlechtsmerkmale zwangsläufig ursächlich für die Diskriminierung sind. Die Forschung zur Diskriminierung “der” Frauen sucht nach meinem Eindruck mit einseitigem Erkenntnisinteresse nach Belegen für ihre Behauptung, ignoriert Indizien, die gegen die These sprechen, und akzeptiert dabei apodiktisch eine heteronormative Bipolarität menschlicher Geschlechtlichkeit, die verhaltensleitend sei.

Die Hirnforschung dagegen sieht keine signifikanten Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen. Mehr noch: Sie hält jedes Gehirn für einzigartig.

Es soll sogar Männer geben, die denken, manchmal sogar ähnlich Denken wie Frauen und weniger wie ihre Y-fachen Kameraden.

Ich bleibe Anhänger des normativen Individualismus. Ich halte nichts davon, Menschen nach ihrer Gruppenzugehörigkeit zu beurteilen oder gar alte Diskriminierungen nach Schubladen durch neue zu ersetzen. Ich halte aber auch bekannte Tatsachen zum “Problem Mann” nicht für trivial. Auf jeden Fall nicht für so trivial, dass man es auf dem Niveau der 1970er Jahre diskutieren sollte.

Die Mehrheit der Inhaftierten sind Männer. Wo ist die Selbstmordrate am höchsten? Bei den Männern. Und deshalb muss unbedingt mehr getan werden – und zwar für die Frauen. Warum? Nach allem, was wir wissen, sind wohl alle Mütter Frauen. (Unfassbar: Selbst Alleinherrscher wie Nero und Napoleon sollen von Frauen geboren worden sein.) Die Bildung und Erziehung in Kitas liegt zu weit über 90 Prozent in weiblichen Händen. Selbst in der Grundschule sind die weiblichen Lehrkörper in der Mehrheit. Und doch erzieht all diese Weiblichkeit ihren männlichen Nachwuchs offenbar zu Diskriminierung, Gewalttätigkeit, Kriminalität und Lebensmüdigkeit.

Da stimmt doch etwas nicht. Sie finden das lächerlich? Tun Sie sich keinen Zwang an. Mir wäre lieber, jemand könnte erklären, wie es trotz des großen Einflusses durch Frauen zu solch bedauerlichen Phänomenen kommt. Wenn der Mensch keinen freien Willen hätte, wäre es ganz schlecht um uns bestellt. Dann könnten zum Beispiel Männer gar nicht anders als sich in die Rolle des Unterdrückers und Frauen gar nicht anders als sich in die Opferrolle gedrängt sehen. Diesem betrüblichen sexistisch-biologistischen Determinismus möchte ich aber keinen Raum geben.

Ich möchte mich nicht für alle gruppenspezifischen Diskriminierungen verantwortlich machen lassen, nur weil ich einer Gruppe, z.B. der weißen mitteleuropäischen Männer, zugerechnet werde, auf der angeblich die Erbsünde der Diskriminierung, Kolonialisierung und Unterwerfung lastet. Obwohl ich zu alledem nichts beigetragen habe und mir schon mit Blick auf meinen Blutdruck jede Neigung zu den genannten Verhaltensweisen fehlt.

Ich ziehe mich auch nicht unter die „gläserne Decke“ zurück, die angeblich Frauen von höheren Aufgaben in Leitungsgremien von Unternehmen abhält. Von einem gläsernen Fußboden, der Frauen von der Tätigkeit im Tief- und Bergbau abhält, halte ich allerdings auch nichts.

Vielleicht tun wir einmal etwas ganz Verrücktes: Wir bewerten Individuen nach ihren herausragenden individuellen … Fähigkeiten. Dabei mag manche Einzelperson durch ihre evolutionär einseitig auf Erbgutübertragung entwickelte Disposition von mancher Äußerlichkeit abgelenkt werden, aber es lohnt sich.

Und während ich weiter darüber nachsinne, weshalb ich zur Hauptversammlung der frauenfeindlichen Weltverschwörung aller Träger des Y-Chromosoms nicht eingeladen wurde,läuft mein Radio. Milva singt: „Wer wird als Mann denn schon geboren? Man wird zum Mann doch erst gemacht.“ Oder so ähnlich.