Archiv für den Monat: Dezember 2014

Fürchtet Euch … nicht!

Grass, echt. Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt war doch überzeugter NSDAP-Mitglied als er selbst bislang durchblicken ließ. Das berichtet die Neue Zürcher Zeitung. Gleichzeitig lese ich bei Spiegel-Online die unverblümte Erkenntnis vom Büttenredner und Teilzeit-Unionspolitiker Norbert Blüm. Er habe sich wohl getäuscht. Die Rente sei nicht mehr sicher. So hat jeder seine Lebenslüge, von der er sich im gesicherten Lebensabend verabschieden kann. Sie hat ihren Zweck ja erfüllt.

Dass derlei Politgaukeleien nicht eben vertrauensfördernd sind, liegt auf der Hand. Sie nähren Misstrauen gegenüber Politikern und dienen als wohlfeile Entschuldigung sich pharisäerhaft politischer Aktivitäten zu enthalten. Schließlich wolle man nichts mit diesem “schmutzigen Geschäft” zu tun haben.” Von “schmutzigen Deals” sprechen auch diejenigen gerne, die aus dem weit verbreiteten und stetig genährten Misstrauen gegenüber politischer Tätigkeit Profit schlagen. Da kritisieren Menschen, die selbst lieber in gut geheizten Restaurants und Stadtteilzentren über den Weltfrieden, den Klimawandel oder auch nur den Austausch von Ampelmännchen durch Ampelweibchen räsonieren, dass Politik hinter verschlossenen Türen stattfinde und Verträge nicht schon in ihrer Entstehung auf dem zugigen Alexanderplatz erörtert würden. Mit Misstrauen lässt sich ein gutes Geschäft machen. Wie schnell wird ein Auffahrunfall auf dem Betriebsgelände eines Kraftwerks zum Atomunfall hochgeredet, um neues Misstrauen zu schaffen.

Und ja, wem kann man nicht alles misstrauen: dem Postzusteller, der fremde Briefe lesen könnte, der Bäckereifachverkäuferin, die einem altes Backwerk unterjubeln könnte, dem Koch in der Kantine, der im Auftrag dunkler Mächte Gift ins Mittagessen mischt, der Ärztin, die einem ein Placebo verabreicht, dem eigenen Verstand, der jede mediale Panik nachvollzieht usw. usw.

Anderen traut mancher Mensch (m/w) all das zu, was er selbst nie tun würde. Davon lebt das Zusammenleben, vom Vertrauen. Wir vertrauen darauf, dass Autos anhalten, weil unsere Fußgängerampel Grün zeigt. Wir vertrauen darauf, dass der bestellte Handwerker den Kurzschluss beseitigt. Wir vertrauen darauf, dass die App des Mobiltelefons die richtige Busverbindung zum Reiseziel nennt. Wir vertrauen darauf, dass es selten so schlimm kommt, wie uns die Nutznießer schlechter Nachrichten weismachen wollen.

Das Leben und Handeln miteinander lebt vom Vertrauen. Dazu müssen Handels- und Geschäftspartner Vertrauenswürdigkeit zeigen. Wer sich selbst nichts zutraut und nicht vertraut, wird schwerlich Vertrauen in andere entwickeln. Wir alle müssen uns aber Vertrauensfähigkeit bewahren, wenn wir nicht wie die Träger von Aluhüten immer und überall wahlweise Chemtrails oder die “US-amerikanische Weltverschwörung der internationalen Finanzwelt” befürchten wollen, um kurz darauf den Verstand zu verlieren.

Wie schön ist es doch zu wissen, dass menschlicher Erfindungsgeist selbst die Schwerkraft und ehemals tödlich Krankheiten überwunden hat, sich die globale Erwärmung seit 16 Jahren eine Auszeit gönnt, um die heiße Luft von Klimagipfeln ihre Wirkung tun zu lassen und die weltweite Population von Eisbären so zugenommen hat wie der deutsche Wald, der kürzlich noch sterben sollte.

Wir haben also Grund auf die Zukunft zu vertrauen, auf Lösungen, die heute noch keiner kennt und Forschungsergebnisse, die Forschungsverweigerer nicht zur Kenntnis nehmen wollen.

Ich misstraue jedem, der ständig irgendwem misstraut. Warum sollte man seinen Unkenrufen mehr vertrauen als demjenigen, dem er mit Misstrauen begegnet. Die Welt ist bunt und vielfältig. Sie bietet mehr Perspektiven als sich manche Unke denken kann, die die Ressourcen am Ende und die Welt vor dem Untergang sieht. Das Misstrauen kennt keinen Morgen, das Vertrauen kennt keine Abendröte.

Es ist an der Zeit, den Endzeitpropheten, die jederzeit bereit sind, Verantwortung für anderer Menschen Zukunft gegen Abgaben, Bußgelder und Steuern zu übernehmen, das Vertrauen zu entziehen. Wo sie rufen “Fürchtet Euch” erwidert der Liberale “Fürchtet Euch nicht.” Die Menschen haben die Wahl: Angst vor der Freiheit oder Freiheit statt Angst. Ich wähle die Freiheit.