Freiheit – unkaputtbar.

Liberale leiden – in Deutschland zumindest: an den Umständen, unter dem Zeitgeist, dem Wettbewerb, sich selbst. Am Wochenende hat sich eine weitere “linksliberale” Partei in Deutschland gegründet. Braucht es eine neue “linke” Partei.

Wir lassen die Frage außen vor, was links heute noch heißt, wenn die Parolen von AfD und Linken zum sicherheitspolitischen Vermächtnis der DDR so ähnlich klingen. Auch die Formel “Es war nicht alles schlecht” eint alte und neue (Volks-)Genossen. Nun gut. Jetzt gibt es sie also, die Neuen Liberalen.
Wofür sie stehen, wird sich zeigen. Hoffnung, dass sie neben Forderungen zu den angenehmen Seiten der Freiheit auch anstrengende Aspekte dieses Leitwerts, den viele Liberale zuletzt als Leidwert empfunden und verkauft haben, bleiben wohl nicht nur aus Marketinggründen außen vor.

Es wundert, dass die einzigartige Mischung aus dem Bekenntnis zur Sozialen Marktwirtschaft als Ordnungsraum für das individuelle Handeln von Anbietern und Verbrauchern und dem sehr viel populäreren Beteuerungen zu den Bürgerrechten sich unattraktiv verkauft.

Während also in Hamburg der Liberalismus neu erfunden und für eine “neue liberale Freiheit” geworben wird (Was illiberale Freiheit ist, kann hier wegen Überschreitung der Grenzen der Logik nicht erörtert werden.), versammeln sich die Kreisvorsitzenden der FDP in Berlin und beginnen ihren Prozess gegen, Entschuldigung, für ein neues (?) Leitbild. Es ist sicher gut, sich gelegentlich seiner selbst zu versichern, aber auch solch ein “Prozess” sollte in erster Linie Signale der Stabilisierung vermitteln und am Ende ein strategisches Oberziel offenbaren, das stärker ist als “Wir brauchen mehr Stimmen”. Dieses Oberziel wäre ein weiterer Beleg für die umfassende Binnensicht, die sich bei der FDP breit macht, weil die fehlende politische Verantwortung Zeitressourcen frei setzt, die einen ins Grübeln kommen lassen. Stimmen freilich sind Mittel zum Zweck. Irgendwann wird die FDP nicht umhin kommen, ihren Zweck als “Produktnutzen” für die Wähler deutlich zu machen.

Dabei kommt mir der Rat des Satirikers Ephraim Kishon in den Sinn. Er schrieb einst:
Was hat die japanische Industrie früherer Tage erfolgreich gemacht? Sie hat die Interessen ihrer Kunden in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten gerückt.

Warum sollten die Liberalen also nicht den unmittelbaren Bürgerdialog suchen und ihre Mitglieder als Botschafter begreifen, wo die Vorturner nur begrenzte Aufmerksamkeit erlangen. Für diese Arbeit gegen grassierende Freiheitsaversion und für ökonomische Alphabetisierung sollten sich die Freundinnen und Freunde argumentativ rüsten. Dazu braucht es ein Sprache, die negative Assoziationen vermeidet. Untersuchungen zeigen, dass es besser ist von Natur zu sprechen, wenn es um Umweltschutz geht, weil der Begriff Umwelt negativ assoziiert ist. Das selbe gilt für die Bildung. Hier könnte Wissen positives Bewusstsein bilden. Bildung ist ebenfalls negativ assoziiert, mit Prüfung, Leistungsdruck und Versagensängsten. Liberale aber eröffnen erfreuliche Perspektiven und sollten auch verbal nicht auf Angst setzen. Vor diesem Hintergrund bleibt die Herausforderung frühere Verkaufsschlager wie mehr Brutto vom Netto positiv zu übersetzen und wieder zu beleben, wenn das Ziel weiter aktuell bleibt, was man bei der Entwicklung der “Sozialen Sicherungssysteme” annehmen dürfte. Es geht doch um Erleichterung und nicht um neue Lasten. Die “Kalte Progression” taugt gar nicht für die politische Werbung, so richtig die Kritik an diesem Phänomen ist.

Arbeit von unten heißt auch: Die selbsternannten Leitmedien scheiden als Vermittler beim Wiederaufstieg weitgehend aus. Schon der Umgang mit dem Guidomobil 2002 hat gezeigt. Was auf kommunaler Ebene, in Lokal- und Regionalzeitungen positiv aufgenommen worden ist, fand bei den Leitmedien, die alle mitfahren wollten, nur Spott und Häme. Trotzdem hat das damit vermittelte Lebensgefühl der FDP weniger geschadet als wortreiche Beliebigkeit und nur scheinbar intellektuelle Debatten ohne Bodenhaftung.

Die Liberalen tun gut daran, den Prozess ihrer Identitätsfindung schnell abzuschließen und sich dann in die Gesellschaft hinein zu öffnen. Viele Lokal- und Regionalzeitungen sind hier zugänglicher als die selbstverliebte Edelfeder manches Renommierblattes. Dann muss man auch nicht mehr hinter verschlossenen Türen vor exklusiven Kreisen tagen, sondern kann mehr Nähe wagen. Das beste an den jüngsten Parteitagen war der Wegfall wichtigtuerischer Sicherheitskontrollen, die zuvor vielfach nur die eigene Bedeutung zu unterstreichen schienen. In Demokratien brauchen Volksvertreter keinen Schutz. Die Schweiz, Schweden und andere Länder machen es vor: Wer sich wirklich als Vertreter des Volkes betrachtet, braucht keinen VIP-Bereich für Politiker und keine Personenkontrollen. In der Demokratie ist jeder ersetzbar und selbst eine Partei, die viele noch bis vor kurzem von der Bildfläche reden wollten, findet Nachahmer, die ihre Existenz für erforderlich erhalten. Der Wettbewerb wird zeigen, wer besser ist. Kopie oder Original. Zumindest im Preis unterscheiden sich beide nicht.Liberale brauchen keinen Denkmal-, Natur- und Personenschutz für sich selbst und ihre Ideen, wenn sie sich selbstbewusst in der Gesellschaft bewegen und zu erkennen geben.