“Würstchen alQuds”

Gibt es einen neuen Antisemitismus in Deutschland? Diese Frage bewegt aktuell nicht nur das politische Feuilleton. Ich halte lange mich nicht lange damit auf, darüber zu räsonieren, was an dem zuletzt öffentlich gewordenen Antisemitismus neu sein soll. Die Behauptung, Juden seien Kindermörder, ist es sicher nicht. Sie gehört zum Grundbestand antijüdischer Stereotype. Neu ist am Antisemitismus nach 1945 in Deutschland nur, dass er nicht mehr zur Staatsdoktrin gehört. So ist der offene Antisemitismus ein höchst individuelles und dabei glücklicherweise staatlich bekämpftes Problem. Es gibt aber trotz aller Bemühungen auch in Berlin zahlreiche Menschen, bei denen reflexartig Speichelfluss einsetzt, wenn sie antrainierte „Schlüsselreize“ wahrnehmen.

Am vergangenen Freitag demonstrierten einige Hundert Fehlorientierte auf dem Kurfürstendamm am „AlQuds-Tag“für die Befreiung Jerusalems von den Juden. Der Tag wurde 1979 im Iran erfunden. Iran, das ist jenes gelobte Land, in dem gerade erst wieder zwei Personen zu Peitschenhieben verurteilt wurden, weil sie im Fastenmonat tagsüber auf der Straße gegessen haben. Menschen, die diese menschenfreundliche Atmosphäre offenbar schätzten, demonstierten also im Berliner Westen, weil dort so ziemlich alles erlaubt ist, wie sie glauben.

Am Ende der von der jüdischen Gemeinde organisierten Gegendemonstration gab der Veranstalter den Demonstrationsteilnehmern, die zweieinhalb Stunden aufmerksam mehr als zehn Rednern mit sehr differenzierten Stellungnahmen zum Konflikt in Israel und dem Umgang mit den Juden hierzulande gefolgt waren, den Rat mit auf dem Weg:
Tragen Sie keine Kippa und keine israelische Fahne offen mit sich, wenn Sie nach Hause gehen. Herumlungernde Teilnehmer der AlQuds-Demo könnten sich provoziert fühlen.

Zuvor noch hatte der Stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu recht darauf hingewiesen, dass die AlQuds-Demo ihm und allen anderen Juden keine Angst machen sollte. Das gefiel mir besser. Ich setzte mich über die Empfehlung des Versammlungsleiters hinweg und machte mich mit einer etwa 30×15 cm großen Israelfahne auf den nur wenige hundert Meter langen Weg nach Hause.

Keine 50 Meter von der durch Zäune und Polizeibeamte gesicherten Demonstration der Jüdischen Gemeinde entfernt, bestätigte sich, was der Veranstalter prophezeit hatte: Ein herumlungernder junger Mann beschimpfte mich als „jüdischer Bastard.“ Mein Fähnchen reichte ihm als Schlüsselreiz. Nur sein Begleiter hielt ihn handgreiflich davon ab, mir nachzustellen.

Ich weiß nicht, welches Vorurteil, schlechte Vorbild oder welcher Irrglaube ihn dazu verleitet hat, mich anzugehen. Fest steht, dass ich auch weiterhin tragen werde, wonach mir ist. Und mir des Schutzes deutscher Sicherheitskräfte gewiss sein kann. Wenn es junge verirrte Männer aus der Fassung bringt, ist das deren Problem. Mich können sie nicht irritieren. Es hat auch keinen Sinn, Jerusalem auf dem Kurfürstendamm in Berlin von Juden befreien zu wollen. Ganz abgesehen davon, dass das dem Selbstbewusstsein dieses „Würstchens alQuds“ am Ende auch nicht helfen würde. Er wird seine Erlösung anderswo suchen müssen. Angriffe auf Bürger in Berlin sollten in der Regel vor Gericht enden. Das aber ist bekanntlich nicht der direkte Weg ins Paradies. Da gefällt mir die Vorstellung, man käme durch gute Taten in eine bessere Welt, schon besser. Sie ist auch gesellschaftsverträglicher.