Wetterleuchten

Die Hochstimmung über den Sieg der deutschen Nationalelf in Rio währte nicht lange. Schon am Dienstag beim Empfang der Weltmeister in Berlin fand mancher Beobachter wieder zu seinem Nörgelmodus zurück und verschwendete sein Talent als Kritiker von Tanzeinlagen von Nationalspielern.

Am Mittwoch hatte der Moralinpegel dann seinen Scheitelpunkt schon überschritten. So war es der Geburtstag der Kanzlerin, der manche in Wallung brachte. Beinahe jede Nachrichtensendung thematisierte das einsame Geburtstagsständchen eines ZDF-Reporters, der es für eine gute Idee hielt, der Bundeskanzlerin bei einer Pressekonferenz in Brüssel gesanglich seine Ergebenheit zu demonstieren. Sie ertrug es mit dem geradezu preussisch-aufgeklärten Kommentar „Jeder nach seiner Art.“

Damit hätte sich die Republik dann gelassen in die postsportive Sommerlochdepression stürzen können, wenn nicht eine Meldung alles relativierte, was die Gemüter noch Tage zuvor in Aufregung versetzt hatte: Ein Flugzeug mit 298 Reisenden auf dem Weg von Amsterdam nach Südostasien wurde trotz üblicher Reisehöhe und Reiseroute über der Ostukraine von einer Rebellenrakete getroffen. Keiner der Urlaubs- und Geschäftsreisenden hatte eine Überlebenschance. Die meisten Opfer sind Niederländer. Auch vier Deutsche sind unter den Toten.

Buchstäblich schlagartig tritt ein Konflikt ins Blickfeld, an den wir uns wie etwa die Auseinandersetzung in Syrien, den Terror der Hamas gegenüber Israel und den Palästinensern schon beinahe gewöhnt hatten, auf jeden Fall aber nicht erinnern wollten.

Was eben noch ein fernes Wetterleuchten am Rande Europas erschien, trifft blitzartig Landsleute und Freunde. Zu betrauern sind Aktivisten im Kampf gegen AIDS auf dem Weg zu einem Kongress in Australien, einer von ihnen liberaler Parteifreund aus den Niederlanden, und zahlreiche Kinder. Grausam. Der Terror von Separatisten hat Trauer und Entsetzen in Familien, die ihre Angehörigen auf dem Flug zu Geschäften oder in den Urlaub wähnten, gebracht.

Die Politik erfährt eine Schrecksekunde. Der australische Außenminister bestellt den russischen Botschafter ein. Angela Merkel und Franz-Walter Steinmeier fordern das Selbstverständliche: vollständige Aufklärung. Das ist sehr wenig angesichts des grausamen Unglücks.

Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Hätten die ukrainische Truppen frühere Erfolge gegen die Separatisten erzielt. Wären diese doch nie in den Besitz von Waffensystemen gekommen, die sie nicht beherrschen. All diese Wünsche kommen zu spät.

Ein Versehen, sei der Tod der Flugpassagiere und Besatzungsmitglieder, heißt es nun. Verständnis dürfen die Übeltäter dafür nicht erwarten. Die Fluggäste sind „versehentlich“ gestorben. Das kann kein Trost sein – nicht für die Familien, nicht für die Politiker, für niemanden. Als Entschuldigung taugt es ohnehin nicht.

Es hätte gerade zur Hauptreisesaison jeden treffen können, der beim selbstverständlichen Überflug zum „Kollateralschaden“ eines Konflikts wird, von dem er vielleicht nichts weiß, in den er auch nicht verwickelt zu sein glaubte. Die Welt ist klein. Die tragischen Ereignisse um MH 17 macht deutlich: Frieden und Gewaltlosigkeit bei unseren Europäischen Nachbarn gehen die Menschen hierzulande etwas an. Vorschnelle Schlüsse sind unangebracht, wohl aber die schnelle Einsicht, dass es mit der Aufklärung des Kriegsverbrechens über dem Donez-Becken nicht getan ist. Klare und kluge Signale sind gefragt – nach Kiew und Russland, dem sich die Terroristen verbunden fühlen. Doch zunächst gehört die Aufmerksamkeit den Angehörigen und Opfern.
Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Diese Ungeheuer haben 298 Menschen vom Leben in den Tod gerissen. Bleibt die Hoffnung, dass dieser Schicksalsschlag, der Paukenschlag ist, der die internationale Staatengemeinschaft aufrüttelt und eine Lösung des Konflikts befördert.Manchmal wandelt sich das Wetterleuchten binnen weniger Minuten in die Morgenröte eines besseren Tages – leider meistens nur im Kino. Wann wird man je verstehen…