Schwarz-Rot-Gold. Bleiben wir gelassen.

Die Diskussionen über einen unverkrampften Umgang mit Nationalfarben, Hymne und Nationalmannschaften bewegen aktuell die Sozialen Medien. Mich beeindruckt dabei besonders, wie die deutsche Vergangenheit für politische Zwecke instrumentalisiert wird. Während die einen noch immer damit beschäftigt sind, leider zu spät, die Machtergreifung von 1933 zu verhindern, behaupten andere, finstere Mächte würden den Deutschen heute noch immer ein schlechtes Gewissen wegen der Untaten ihrer Vorfahren einreden und sie dadurch zu Gunsten ihrer ebenso unerkennbaren, aber auf jeden Fall verabscheuungswürdigen Absichten manipulieren.

Die „kollektive Verantwortung“, die der gegenwärtigen Generation in Deutschland für die Aufrechterhaltung von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte obliegt, darf nicht mit einer behaupteten „kollektiven Schuld“ für Verbrechen der Vergangenheit verwechselt werden. Selbst wenn ich Enkel eines nationalsozialistischen Kriegsverbrechers wäre, was ich nicht bin, könnte ich doch keiner Mittäterschaft geziehen werden. Aufgeklärte Zeitgenossen wissen längst, dass die eigene Abstammung und Nationalität Zufallsprodukte sind. Ich freue mich über den Zufall, in Deutschland geboren zu sein, stolz dagegen bin ich nur auf meine eigene Leistung. Eltern können wohl stolz auf Ihre Kinder sein und sind es, umgekehrt ist das recht verstanden schwer möglich.

Kinder haften nicht für ihre Eltern. Die Erbsünde gibt es nur in religiös geprägten Kreisen. Derlei Sippenhaft war dem nationalsozialistischen Rechtsverständnis nicht fremd.Im demokratischen Rechtsstaat ist schuld individuell, nicht kollektivierbar und vor allem nicht erblich. Es befremdet, dass gerade manche Streiter gegen den „ewigen Nazi“ im Deutschen diese Tatsache nicht zu akzeptieren bereit sind.

Und eines noch: So wenig wie Berlin Weimar ist, wie man so schön sagt, so wenig ist trotz allerlei verstörender Aktivitäten von „rechten Spinnern“ die Gefahr eines neuen Rechtsextremismus in Deutschland virulent. Das zeigen die Tatsachen. Insbesondere die politische Linke wird andere Themen finden (müssen), gegen die sie auf die Straße geht, um sich ihrer eigenen „gerechten Grundhaltung“ zu vergewissern.Die deutsche Demokratie ist stark genug, auch rechtsextremistische „Unverbesserliche“ zu verdauen, auch wenn jedes Opfer rechter Gewalt zurecht beklagt wird.

Wer in fahnenschwenkenden Deutschen während einer Fussballweltmeisterschaft eine Gefahr sieht, erscheint dem gelassenen in sich ruhenden Demokraten zurecht reichlich paranoid. Gleichzeitig zeigt er sich reichlich uninformiert. Die Farben Schwarz-Rot-Gold werden und wurden von Nationalsozialisten herzlich verabscheut. Sie stehen für Freiheit, Einheit und Demokratie. Immer wenn es um diesen Dreiklang schlecht bestellt war, haben die Machthaber andere Farben aufgezogen. Im „Dritten Reich“ etwa das Schwarz-Weiß-Rot der Hakenkreuzfahne.
Auch die deutsche Nationalhymne hat einen Text der sich gegenüber den vielfach blutrünstigen Verszeilen anderer Demokratien der Welt abhebt – wohltuend. Wohlklingend ist Joseph Haydns Melodie dann, wenn der singt, dem Gesang gegeben. Auch deshalb ist in der Gesangsverweigerung einzelner Nationalgladiatoren zu verschmerzen, mitunter eine Wohltat. Sie sollen sich auf die gegnerischen Tore und nicht auf die empfindlichen Trommelfelle ihrer Landsleute konzentrieren.
Die Nationalmannschaft kann mal als seinen Verein betrachten, ohne ihm beigetreten zu sein. Dass Deutsche mit Engländern leiden und sich mit Niederländern freuen können, wie Berliner für den Nürnberger Club oder die Münchner Bayern, zeugt von dem Sportsgeist, der gerade nichts mit ritualisiertem Krieg zu tun hat.
Natürlich lässt sich über jeder Suppe solange den Kopf schütteln, bis sich ein Haar in ihr findet. Den chronisch nach Aufmerksamkeit eifernden Neurotikern von Links und Rechts begegnet man selbst am besten mit dem, was sie selbst am wenigsten aufbringen: selbstsicherer Gelassenheit.