Fussball-Verschwörung!?

Während der Fussballweltmeisterschaft in Brasilien ist eine echte Verschwörung im Gange: Der Bundestag setzt seine Beratungen über politische Sachverhalte fort. Das ruft die Erregungsindustrie auf den Plan (Die Süddeutsche titelt: Entscheidungen im Bundestag. Gesetzemachen im WM-Taumel.)
Da sollen Dinge unter Ausschluss der Öffentlichkeit beraten werden. Als ob das nicht in jeder Debatte vorkommt. Wer aber schließt die Öffentlichkeit aus? Taumelt da vielleicht die Öffentlichkeit selbst? Ist es um die deutsche Medienlandschaft schon so schlecht bestellt, dass selbst Vollredaktionen nur über Fussball berichten können? Oder müssen sie das? Wenn ja, wer zwingt sie?
Ausweislich eigener Angaben haben alle großen Zeitungen und die bestbezahlten Fernsehanstalten nach Ressorts gegliederte Redaktionen. Mir wäre auch nicht aufgefallen, dass Zeitungen während großer Fussballereignisse auf die Rubriken Politik, Wirtschaft oder das Feuilleton verzichten.

Richtig ist, dass in Zeiten einer großen Koalition besondere Aufmerksamkeit der Medien gefordert ist und nicht nur in den neunzig Minuten, die die Fussballnationen bewegen. Das Geschehen im Parlament, das die Vorgaben der Großen Koalition durchwinkt ist aber in Zeiten schwarz-roter Zweisamkeit weniger interessant als das Alpenpanorama, das jeden morgen bei 3SAT oder dem Bayerischen Rundfunk über den Bildschirm flimmert. Und wenn wir schon in den Alpen sind: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat in den letzten Tagen aus der Rettung eines forschenden Höhlen-Menschen ein Riesending gemacht.

Ich bezweifle, dass irgendwem etwas entgangen wäre, wenn die Übertragungen aus dem von mir sehr geschätzten Berchtesgaden nur halb so lange gewesen wären. Inzwischen wurde die Grafik zur Höhle so oft im Fernsehen gezeigt, dass ich sie aus dem Gedächtnis nachzeichnen konnte.Ansonsten war die Berichterstattung für alle, die nicht als Helfer oder aufklärende Journalisten vor Ort waren, so interessant wie die Etagenanzeige eines Hochhauslifts.

Anders als Medien verbreiten, die wahrscheinlich nur sich selbst ernst nehmen, aber von kaum einem wirklich ernst genommen werden sollten, geht das Leben in der Republik trotz Fussballüberraschungen weiter. Erhebungen zum Einbruch des Wirtschaftsgeschehens bei sportlichen Großereignissen sind mir nicht bekannt. Vielleicht sollten Medienvertreter nicht zu sehr von ihren eigenen Präferenzen auf die anderer schließen. Nur weil Politikreporter auch gerne einmal soviel Aufmerksamkeit haben wollen wie ihre Kollegen vom Sport, sollten sie ihre Arbeit nicht einstellen oder meinen, niemand würde ihre Arbeitsergebnisse zur Kenntnis nehmen.

Allerdings wäre schon viel gewonnen, wenn die Übertragung der Fussballereignisse sich auf das Spiel beschränken würde. Früher dauerte ein Spiel 90 Minuten, heute dauert es im Fernsehen bis zu fünf Stunden, wenn man das Spekulieren auf Stammtischniveau vor und nach dem Geschehen auf dem Platz dazurechnet. Zeit also, um auch andere Themen als das Sportereignis ins Bewusstsein zu rufen, ist in Fülle vorhanden. Das Problem ist: Wenn Hundertschaften von Journalisten nach Südamerika reisen, müssen sie auch Nachweise ihrer Tätigkeit liefern und seien sie auch so irrelevant. Wo ein Journalist herumstiefelt, soll und möchte er berichten. Das ist beim Riesending im Untersberg bei Berchtesgaden nicht anders als unter dem Zuckerhut an der Copacabana. Dem aufmerksamen Zuseher bleibt nur, sein Denken nicht durch Sportjournalisten übernehmen zu lassen. Und nicht vergessen: Wenn der Ball rollt, bleibt die Welt nicht stehen.