Bitte Nacharbeiten

HM im ZDF zur EuropawahlDie Liberalen haben ihre Kunden enttäuscht. Der Grund: Lieferschwierigkeiten. Inzwischen hat die FDP ihr programmatisches Kernsortiment noch nicht wieder geordnet, ihre Orientierung noch nicht ganz wieder gefunden. Ohne ihre klare Botschaft wird sie nur schwer wieder Vertrauen bei denen gewinnen, die zuletzt bei der Europawahl erneut enttäuscht zu Hause geblieben sind. 800.000 ehemalige FDP-Wähler sollen das am 25. Mai gewesen sein. Wenn Glaubwürdigkeit ein Hauptgrund für die Wahlentscheidung ist, hat die FDP noch viel vor sich, wenn sie alte und neue Kunden binden will.

Auf der Suche nach der fesselnden Botschaft finde ich folgende Überlegungen einer Betrachutng wert:

Seit der Krise der FDP im Jahr 1994/1995 hat die FDP sich zur Partei mit Steuerkompetenz hochgearbeitet. Die langjährige Kritik an der Einthemenpartei kann die aktuelle FDP, die aktuell noch um ein (neues) Kernthema ringt, aus heutiger Sicht als Ausdruck neidischer Anerkennung betrachten. 2009 hat sie die Gelegenheit gehalten, ihr Kernkompetenzthema in praktisch Politik umzuwandeln. Der Rest ist bekannt.

Wenn ich nach langer Lieferzeit nicht erhalte, was ich gekauft zu haben glaubte, bin ich zurecht enttäuscht. Wenn die gewünschte Ware aber tatsächlich ein Grundbedürfnis hätte decken sollen, macht das Ausbleiben der Lieferung mein Problem nicht geringer. Da hilft es auch nicht, wenn mir der Lieferant eine Ersatzlieferung avisiert, die mit meinem Wunsch aber nichts zu tun hat. Tausche Kopfschmerz gegen Bauchweh ist kein attraktives Angebot.
Politisch gesprochen: Die Entlastung der Bürger bei Steuern, Sozialabgaben und Bürokratie war bestellt, geliefert wurden nur Teile davon, meistens etwas anderes – vor allem aber mehr Kosten von der Flugverkehrsabgabe bis zu steigenden Energiepreise nach einer Wende ins Ungewisse.

Ist es also richtig, auf einen „Lieferengpass“ mit einer Ersatzlieferung aus einer ganz anderen Produktpalette zu reagieren? Wenn die 2009 als richtig erkannten Themen noch aktuell sind, dann wäre es doch nur fair gegenüber dem verprellten Kunden, einen Versuch der Nachlieferung zu wagen, anstatt ihn durch neue Angebote abzulenken.

Eine Botschaft nah an der immer noch breit vermuteten wirtschaftlichen Kompetenz der FDP könnte nicht schaden. Wer für diese Wirtschaftskompetenz steht, werden die Liberalen noch identifizieren müssen. Die Erinnerung an die wirtschaftspolitische Kompetenz der Liberalen hat zuletzt Alexander Graf Lambsdorff als glaubwürdiger Träger eines großen Namens wiederbelebt.
In der Opposition außerhalb des Bundestages wird die FDP kein breites Personaltableau präsentieren können, wenn sie selbst mit bereits prominenten Namen Wahrnehmbarkeitsprobleme hat. Trotzdem ist es klug, die Bandbreite eines Liberalismus für alle Lebenslagen auch personell zu unterfüttern. Christian Lindner kann ein Protagonist bürgerlicher Freiheitsrechte und eines auf Eigenverantwortung setzenden Kulturliberalismus sein.

Trotz Rückschlägen zurück zur Kernkompetenz und damit wieder voran! Das kann einen Weg zum Wiederaufstieg im Wählerzuspruch sein. Am Ball bleiben heißt, Weiterspielen auch wenn einem gerade nach Abwechslung ist. Respekt verdient man sich mit Ausdauer. Langer Atem ohne Langatmigkeit ist gefragt. Wer eine lange Reise vor sich hat, darf sein Ziel nie aus dem Auge verlieren. Prinzipien sind dabei die Fixsterne, die die Orientierung erleichtern, auch wenn die Wellen hochschlagen oder Untiefen anstehen. „Die“ Bürger, „der“ Wähler und andere amorphe Kollektive eignen sich dabei nicht als Lotsen. Liberale arbeiten für die, die die Freiheit schätzen. Sie gilt es offensiv aufzusuchen, intensiv anzusprechen und selbstbewusst zu vertreten. Ihre Wertschätzung zu rechtfertigen und durch Konsequenz auch im Gegenwind zurückzuerobern, ist angesagt. Das ist eine Herausforderung, die Liberale unverdrossen annehmen müssen, wenn sie sich nicht aus der politischen Landschaft verabschieden wollen.