Archiv für den Monat: Juni 2014

Schwarz-Rot-Gold. Bleiben wir gelassen.

Die Diskussionen über einen unverkrampften Umgang mit Nationalfarben, Hymne und Nationalmannschaften bewegen aktuell die Sozialen Medien. Mich beeindruckt dabei besonders, wie die deutsche Vergangenheit für politische Zwecke instrumentalisiert wird. Während die einen noch immer damit beschäftigt sind, leider zu spät, die Machtergreifung von 1933 zu verhindern, behaupten andere, finstere Mächte würden den Deutschen heute noch immer ein schlechtes Gewissen wegen der Untaten ihrer Vorfahren einreden und sie dadurch zu Gunsten ihrer ebenso unerkennbaren, aber auf jeden Fall verabscheuungswürdigen Absichten manipulieren.

Die “kollektive Verantwortung”, die der gegenwärtigen Generation in Deutschland für die Aufrechterhaltung von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte obliegt, darf nicht mit einer behaupteten “kollektiven Schuld” für Verbrechen der Vergangenheit verwechselt werden. Selbst wenn ich Enkel eines nationalsozialistischen Kriegsverbrechers wäre, was ich nicht bin, könnte ich doch keiner Mittäterschaft geziehen werden. Aufgeklärte Zeitgenossen wissen längst, dass die eigene Abstammung und Nationalität Zufallsprodukte sind. Ich freue mich über den Zufall, in Deutschland geboren zu sein, stolz dagegen bin ich nur auf meine eigene Leistung. Eltern können wohl stolz auf Ihre Kinder sein und sind es, umgekehrt ist das recht verstanden schwer möglich.

Kinder haften nicht für ihre Eltern. Die Erbsünde gibt es nur in religiös geprägten Kreisen. Derlei Sippenhaft war dem nationalsozialistischen Rechtsverständnis nicht fremd.Im demokratischen Rechtsstaat ist schuld individuell, nicht kollektivierbar und vor allem nicht erblich. Es befremdet, dass gerade manche Streiter gegen den “ewigen Nazi” im Deutschen diese Tatsache nicht zu akzeptieren bereit sind.

Und eines noch: So wenig wie Berlin Weimar ist, wie man so schön sagt, so wenig ist trotz allerlei verstörender Aktivitäten von “rechten Spinnern” die Gefahr eines neuen Rechtsextremismus in Deutschland virulent. Das zeigen die Tatsachen. Insbesondere die politische Linke wird andere Themen finden (müssen), gegen die sie auf die Straße geht, um sich ihrer eigenen “gerechten Grundhaltung” zu vergewissern.Die deutsche Demokratie ist stark genug, auch rechtsextremistische “Unverbesserliche” zu verdauen, auch wenn jedes Opfer rechter Gewalt zurecht beklagt wird.

Wer in fahnenschwenkenden Deutschen während einer Fussballweltmeisterschaft eine Gefahr sieht, erscheint dem gelassenen in sich ruhenden Demokraten zurecht reichlich paranoid. Gleichzeitig zeigt er sich reichlich uninformiert. Die Farben Schwarz-Rot-Gold werden und wurden von Nationalsozialisten herzlich verabscheut. Sie stehen für Freiheit, Einheit und Demokratie. Immer wenn es um diesen Dreiklang schlecht bestellt war, haben die Machthaber andere Farben aufgezogen. Im “Dritten Reich” etwa das Schwarz-Weiß-Rot der Hakenkreuzfahne.
Auch die deutsche Nationalhymne hat einen Text der sich gegenüber den vielfach blutrünstigen Verszeilen anderer Demokratien der Welt abhebt – wohltuend. Wohlklingend ist Joseph Haydns Melodie dann, wenn der singt, dem Gesang gegeben. Auch deshalb ist in der Gesangsverweigerung einzelner Nationalgladiatoren zu verschmerzen, mitunter eine Wohltat. Sie sollen sich auf die gegnerischen Tore und nicht auf die empfindlichen Trommelfelle ihrer Landsleute konzentrieren.
Die Nationalmannschaft kann mal als seinen Verein betrachten, ohne ihm beigetreten zu sein. Dass Deutsche mit Engländern leiden und sich mit Niederländern freuen können, wie Berliner für den Nürnberger Club oder die Münchner Bayern, zeugt von dem Sportsgeist, der gerade nichts mit ritualisiertem Krieg zu tun hat.
Natürlich lässt sich über jeder Suppe solange den Kopf schütteln, bis sich ein Haar in ihr findet. Den chronisch nach Aufmerksamkeit eifernden Neurotikern von Links und Rechts begegnet man selbst am besten mit dem, was sie selbst am wenigsten aufbringen: selbstsicherer Gelassenheit.

Fussball-Verschwörung!?

Während der Fussballweltmeisterschaft in Brasilien ist eine echte Verschwörung im Gange: Der Bundestag setzt seine Beratungen über politische Sachverhalte fort. Das ruft die Erregungsindustrie auf den Plan (Die Süddeutsche titelt: Entscheidungen im Bundestag. Gesetzemachen im WM-Taumel.)
Da sollen Dinge unter Ausschluss der Öffentlichkeit beraten werden. Als ob das nicht in jeder Debatte vorkommt. Wer aber schließt die Öffentlichkeit aus? Taumelt da vielleicht die Öffentlichkeit selbst? Ist es um die deutsche Medienlandschaft schon so schlecht bestellt, dass selbst Vollredaktionen nur über Fussball berichten können? Oder müssen sie das? Wenn ja, wer zwingt sie?
Ausweislich eigener Angaben haben alle großen Zeitungen und die bestbezahlten Fernsehanstalten nach Ressorts gegliederte Redaktionen. Mir wäre auch nicht aufgefallen, dass Zeitungen während großer Fussballereignisse auf die Rubriken Politik, Wirtschaft oder das Feuilleton verzichten.

Richtig ist, dass in Zeiten einer großen Koalition besondere Aufmerksamkeit der Medien gefordert ist und nicht nur in den neunzig Minuten, die die Fussballnationen bewegen. Das Geschehen im Parlament, das die Vorgaben der Großen Koalition durchwinkt ist aber in Zeiten schwarz-roter Zweisamkeit weniger interessant als das Alpenpanorama, das jeden morgen bei 3SAT oder dem Bayerischen Rundfunk über den Bildschirm flimmert. Und wenn wir schon in den Alpen sind: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat in den letzten Tagen aus der Rettung eines forschenden Höhlen-Menschen ein Riesending gemacht.

Ich bezweifle, dass irgendwem etwas entgangen wäre, wenn die Übertragungen aus dem von mir sehr geschätzten Berchtesgaden nur halb so lange gewesen wären. Inzwischen wurde die Grafik zur Höhle so oft im Fernsehen gezeigt, dass ich sie aus dem Gedächtnis nachzeichnen konnte.Ansonsten war die Berichterstattung für alle, die nicht als Helfer oder aufklärende Journalisten vor Ort waren, so interessant wie die Etagenanzeige eines Hochhauslifts.

Anders als Medien verbreiten, die wahrscheinlich nur sich selbst ernst nehmen, aber von kaum einem wirklich ernst genommen werden sollten, geht das Leben in der Republik trotz Fussballüberraschungen weiter. Erhebungen zum Einbruch des Wirtschaftsgeschehens bei sportlichen Großereignissen sind mir nicht bekannt. Vielleicht sollten Medienvertreter nicht zu sehr von ihren eigenen Präferenzen auf die anderer schließen. Nur weil Politikreporter auch gerne einmal soviel Aufmerksamkeit haben wollen wie ihre Kollegen vom Sport, sollten sie ihre Arbeit nicht einstellen oder meinen, niemand würde ihre Arbeitsergebnisse zur Kenntnis nehmen.

Allerdings wäre schon viel gewonnen, wenn die Übertragung der Fussballereignisse sich auf das Spiel beschränken würde. Früher dauerte ein Spiel 90 Minuten, heute dauert es im Fernsehen bis zu fünf Stunden, wenn man das Spekulieren auf Stammtischniveau vor und nach dem Geschehen auf dem Platz dazurechnet. Zeit also, um auch andere Themen als das Sportereignis ins Bewusstsein zu rufen, ist in Fülle vorhanden. Das Problem ist: Wenn Hundertschaften von Journalisten nach Südamerika reisen, müssen sie auch Nachweise ihrer Tätigkeit liefern und seien sie auch so irrelevant. Wo ein Journalist herumstiefelt, soll und möchte er berichten. Das ist beim Riesending im Untersberg bei Berchtesgaden nicht anders als unter dem Zuckerhut an der Copacabana. Dem aufmerksamen Zuseher bleibt nur, sein Denken nicht durch Sportjournalisten übernehmen zu lassen. Und nicht vergessen: Wenn der Ball rollt, bleibt die Welt nicht stehen.

Bitte Nacharbeiten

HM im ZDF zur EuropawahlDie Liberalen haben ihre Kunden enttäuscht. Der Grund: Lieferschwierigkeiten. Inzwischen hat die FDP ihr programmatisches Kernsortiment noch nicht wieder geordnet, ihre Orientierung noch nicht ganz wieder gefunden. Ohne ihre klare Botschaft wird sie nur schwer wieder Vertrauen bei denen gewinnen, die zuletzt bei der Europawahl erneut enttäuscht zu Hause geblieben sind. 800.000 ehemalige FDP-Wähler sollen das am 25. Mai gewesen sein. Wenn Glaubwürdigkeit ein Hauptgrund für die Wahlentscheidung ist, hat die FDP noch viel vor sich, wenn sie alte und neue Kunden binden will.

Auf der Suche nach der fesselnden Botschaft finde ich folgende Überlegungen einer Betrachutng wert:

Seit der Krise der FDP im Jahr 1994/1995 hat die FDP sich zur Partei mit Steuerkompetenz hochgearbeitet. Die langjährige Kritik an der Einthemenpartei kann die aktuelle FDP, die aktuell noch um ein (neues) Kernthema ringt, aus heutiger Sicht als Ausdruck neidischer Anerkennung betrachten. 2009 hat sie die Gelegenheit gehalten, ihr Kernkompetenzthema in praktisch Politik umzuwandeln. Der Rest ist bekannt.

Wenn ich nach langer Lieferzeit nicht erhalte, was ich gekauft zu haben glaubte, bin ich zurecht enttäuscht. Wenn die gewünschte Ware aber tatsächlich ein Grundbedürfnis hätte decken sollen, macht das Ausbleiben der Lieferung mein Problem nicht geringer. Da hilft es auch nicht, wenn mir der Lieferant eine Ersatzlieferung avisiert, die mit meinem Wunsch aber nichts zu tun hat. Tausche Kopfschmerz gegen Bauchweh ist kein attraktives Angebot.
Politisch gesprochen: Die Entlastung der Bürger bei Steuern, Sozialabgaben und Bürokratie war bestellt, geliefert wurden nur Teile davon, meistens etwas anderes – vor allem aber mehr Kosten von der Flugverkehrsabgabe bis zu steigenden Energiepreise nach einer Wende ins Ungewisse.

Ist es also richtig, auf einen “Lieferengpass” mit einer Ersatzlieferung aus einer ganz anderen Produktpalette zu reagieren? Wenn die 2009 als richtig erkannten Themen noch aktuell sind, dann wäre es doch nur fair gegenüber dem verprellten Kunden, einen Versuch der Nachlieferung zu wagen, anstatt ihn durch neue Angebote abzulenken.

Eine Botschaft nah an der immer noch breit vermuteten wirtschaftlichen Kompetenz der FDP könnte nicht schaden. Wer für diese Wirtschaftskompetenz steht, werden die Liberalen noch identifizieren müssen. Die Erinnerung an die wirtschaftspolitische Kompetenz der Liberalen hat zuletzt Alexander Graf Lambsdorff als glaubwürdiger Träger eines großen Namens wiederbelebt.
In der Opposition außerhalb des Bundestages wird die FDP kein breites Personaltableau präsentieren können, wenn sie selbst mit bereits prominenten Namen Wahrnehmbarkeitsprobleme hat. Trotzdem ist es klug, die Bandbreite eines Liberalismus für alle Lebenslagen auch personell zu unterfüttern. Christian Lindner kann ein Protagonist bürgerlicher Freiheitsrechte und eines auf Eigenverantwortung setzenden Kulturliberalismus sein.

Trotz Rückschlägen zurück zur Kernkompetenz und damit wieder voran! Das kann einen Weg zum Wiederaufstieg im Wählerzuspruch sein. Am Ball bleiben heißt, Weiterspielen auch wenn einem gerade nach Abwechslung ist. Respekt verdient man sich mit Ausdauer. Langer Atem ohne Langatmigkeit ist gefragt. Wer eine lange Reise vor sich hat, darf sein Ziel nie aus dem Auge verlieren. Prinzipien sind dabei die Fixsterne, die die Orientierung erleichtern, auch wenn die Wellen hochschlagen oder Untiefen anstehen. “Die” Bürger, “der” Wähler und andere amorphe Kollektive eignen sich dabei nicht als Lotsen. Liberale arbeiten für die, die die Freiheit schätzen. Sie gilt es offensiv aufzusuchen, intensiv anzusprechen und selbstbewusst zu vertreten. Ihre Wertschätzung zu rechtfertigen und durch Konsequenz auch im Gegenwind zurückzuerobern, ist angesagt. Das ist eine Herausforderung, die Liberale unverdrossen annehmen müssen, wenn sie sich nicht aus der politischen Landschaft verabschieden wollen.