Im Boot Camp der Freiheit

Manche Liberale haben sich in den vergangenen Monaten und Jahren soviel anhören müssen, dass sie sich kaum noch an die Öffentlichkeit wagen. Sie ziehen sich auf vermeintlich sicheres Gelände zurück und widmen sich dem Parteileben.

Wie schon Mitte der 1990er Jahre, als der Liberalismus in Deutschland nur knapp dem parlamentatische Aus entronnen ist, bilden sich Kreise und Gruppen, die sich nicht weniger als die Rettung der Freiheit auf die Fahnen geschrieben haben. Wenn in Deutschland auf kollektivistischem Magerrasen der Wunsch nach individueller Freiheit so viele Blüten hervorbringt, sollte einem um die Zukunft liberaler Ideen nicht bange sein.

Dabei zeigen Gründungen wie „European Students for Liberty“, die junge Enthusiasten des akademischen Nachwuches zusammenführen: Der Liberalismus ist eine Geisteshaltung mit Zukunft, keine politische Illussion von und für Greise. Dank der Informationstechnologie bilden sich neben den bielgeschmähten Nebenzimmern auch virtuelle Hinterzimmer. Gar nicht so „geheime“ Gruppen reflektieren in den Sozialen Medien Glanz und Elend der Liberalen in Gegenwart und Vergangenheit. Bei diesem Räsonieren über die Zukunft der liberalen Idee findet viel Fantasie und Kreativität, aber auch manche Illussion ihren Platz. Da ist viel von Kampagne und „Verkaufe“, von Verpackung und Image die Rede. An die Stelle des Ringens um die zündende Botschaft, den fesselnden politischen Gedanken, den politischem Auftrag, treten viel zu oft kleinliche Debatten um die Selbstorganisation des „Vereinslebens“, wie sie die Menschen in Scharen aus Vereinen treiben.

Die liberale Idee darf sich nicht auf eigene Kreise zurückziehen, wenn sie wieder größere Kreise ziehen und an sich ziehen möchte. Sie muss vor allem nach Außen treten und den gesellschaftlichen Diskurs suchen: nicht als besserwisserischer Kritiker oder gar nur Zuschauer. Liberale müssen intelligenter Impulsgeber sein, der Gedanken einbringt um Denkprozesse in Gang zu setzen, während andere am perfektionierten Politbiedermeier basteln. Dann sind sie interessant, sei es als Eulenspiegel der saturierten Wohlfahrtsgesellschaft oder als Vorboten einer neuen Aufklärung über die Vorzüge von Menschenrechten, Mündigkeit und Marktwirtschaft.

Dazu sollten Liberale ihre positive Botschaft deutlich, gewinnend klar zur Diskussion stellen, ihren „Produktnutzen“ erklären, aber vor allem auch ihr optimistisches Lebensgefühl, das viele von ihnen antreibt und Sympathiebrücken zu alten, verloren gegangenen und neuen Freunden der Freiheit schlägt, vermitteln.

Fest steht: Der Wiederaufstieg einer liberalen Partei braucht langen Atem. Er braucht aber auch geduldige Mitwirkende, die die Disziplin aufbringen, gemeinsam am künftigen Erfolg zu arbeiten. Es ist eines, jemanden mit markigen Worten für sich zu begeistern, etwas anderes ist es, gewonnene theoretische Erkenntnisse durch sicherlich mühsame Kleinarbeit in die Praxis umzusetzen. Wer wüßte das besser als die FDP. Es wird der Führung der Liberalen besser gelingen, wenn sie für Vertrauen auf einem weiten Weg wirbt und ihre Anhänger um Unterstützung gegen gemeinsame äußere Widersacher bittet. Gerade der Rückhalt in der eigenen Anhängerschaft verleiht die Kraft, im Gegenwind zu stehen. Wer die Fackel der Freiheit durch die Menge trägt, darf sich nicht wundern, wenn er dem einen oder anderen den Bart versengt, heißt es. Gemeint sind damit politische Besitzstände, die Bärte anderer. Es hat keinen Sinn, sich aus Angst vor öffentlichem Widerstand gegen das eigene nicht-etatistische Politikverständnis nur den eigenen Bart anzuzünden. Im Bootcamp der Freiheit vergewissern sich Liberale ihrer eigenen Prinzipien, stärken sich argumentativ für die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner und entwickeln Teamgeist aber vor allem Kondition für den Marathonlauf zurück in die politische Verantwortung.