“Schluss mit der Profitgier”

Wer in Deutschland streikt, darf sich der Sympathie weiter Teile der Öffentlichkeit gewiss sein. Immer wenn die Mitarbeiter der Berliner BVG streiken, haben sie das ganze Mitgefühl aller stehen gelassenen Fahrgäste, die später mit jeder pünktlich erfolgenden Preiserhöhung für die Lohnforderungen des Betriebspersonals bezahlen müssen. Warum? Weil viele Menschen den Zusammenhang zwischen Tarifforderung und Preisentwicklung für den Verbraucher ignorieren.

Wenn in diesem Tagen also Spitzenverdiener der Lufthansa in den Ausstand treten, scheinen sie auf die Empathie ihrer Passagiere zu setzen. Die aber hält sich in Grenzen. Inzwischen weiß jeder, dass Piloten der Lufthansa durchschnittlich mehr als 180.000 Euro im Jahr verdienen. Spitzenverdiener unter den Kranichnavigatoren verdienen rund 240.000 Euro. Wenn die Leistungsverweigerer sich mit ihrer Forderung nach einer Erhöhung um zehn Prozent durchsetzen, haben sie das Jahresgehalt der Bundeskanzlerin erreicht. Da wirkt es wie Hohn, wenn die Flugzeuglenker mit Schildern „Schluss mit der Profitgier“ vor die Flughäfen ziehen, um ihren Forderungen Nachdruck verleihen.

Die Lufthansa-Angestellten stehen symptomatisch für eine weltvergessene Kaste von Besitzstandswahrern, die Frührente und Spitzenverdienste für eine Errungenschaft halten, die ein ehemaliger Staatsbetrieb unabhängig von der Weltkonkurrenz zu bewahren habe. Dass der Spitzenverdienst der Piloten von Ryanair mit 85.000 Euro auch schon stattlich ist und bei dem Lowcost-Carrier trotzdem keine Personalengpässe in den Cockpits oder Risikosituationen durch Finanzinsuffizienz des Personals eintreten, interessiert die Fliegerfürsten offenbar nicht. Die Verantwortung jedenfalls scheint auch bei Ryanair angemessen vergolten.

Sicher es gibt in Deutschland Tarifautonomie. Der Staat muss sich für die Löhne bei Fluggesellschaften nicht interessieren oder gar stark machen. Als Kunde muss man aber schon fragen, warum man mit dem Ticket die Umverteilung in Richtung uniformierter Halbgötter im Höhenflug mitfinanzieren soll. Die Freiheit muss über den Wolken offenbar grenzenlos und das Leben auf der Erde weit weg erscheinen. Dem Gesamtüberblick scheint das Pilotendasein nicht unbedingt förderlich. Weltvergessenheit greift um sich. Globalamnesie könnte das Phänomen heißen. Bei manchen Lufthansa-Mitarbeiter kam es schon einmal durch, dass er sich für die wirtschaftlichen Zwänge und Interessen seiner Gäste nicht all zu sehr interessiert. Sie sind ja vielfach auch gar nicht seine Gehaltsklasse.

Vielleicht lösen sich die Probleme der Lufthansa aber auf eine andere Weise. Der Streik könnte ein Beitrag zur Herstellung “fairen Wettbewerbs” sein: AirBerlin kam durch die Luftverkehrsabgabe der Bundesregierung in arge Bedrängnis. Bei der Lufthansa übernehmen das die Mitarbeiter. Durch Arbeitsverweigerung zu mehr Wettbewerbsfähigkeit? Es wird sich weisen, ob sich der Gruppenegoismus bei der Lufthansa mittelfristig auszahlt und eine angemessene Antwort auf den nachvollziehbaren Kostendruck im internationalen Flugbetrieb ist. Vielleicht geht es bald allen deutschen Fluglinien gleich – und zwar schlecht. So hätte das hehre Streikrecht aus dem 19. Jahrhundert wenigstens einen Traum der Gleichheitsfanatiker erfüllt.