Archiv für den Monat: April 2014

Wenn das Amt den Verstand nimmt…

Wem der Herr ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. Diese fromme Hoffnung scheint sich nicht für alle irdischen Ämter zu erfüllen. An der Berliner Humboldt-Universität hat eine Arbeitsgruppe für „Feministisches Sprachhandeln“ eine Broschüre mit „antidiskriminierenden“ Sprachempfehlungen herausgegeben. Da gibt es dann auch die A-Form. So wird aus dem männlichen Drucker der Drucka. Dem Berliner ist diese falsche Aussprache der Endung aus der Umgangssprache der Hauptstadt bekannt. Neu dürfte ihm die Verschriftung durch ambitionierte Sprachgestalterinnen sein.

Wer das für einen verspäteteten Aprilscherz hält, irrt. Die Medien sind voll von Berichten über soviel Fantasie. Sie scheint ein Produkt akademischer Langeweile. Was viele schon geahnt haben, scheint sich hier zu bewahrheiten: Wer eine Aufgabe zugewiesen bekommt, der sorgt im täglichen Rechtfertigungszirkus auch für den Nachweis seiner Existenzberechtigung. Deshalb müssen Sprachreformer solche Papier vorlegen.

Gut, dass sich Sprache vielfach unabhängig von den Allmachtsvorstellungen von Sprachschöpfern entwickelt. Es darf getrost davon ausgegangen werden, dass sich der ideologisch motivierte Neusprech nicht einbürgert. Die Alltagssprache neigt doch dazu, sich der Lebensrealität sehr viel unverkrampfter zuzuwenden, als sich das manche Sprachkünstler denken. Was geschrieben wie das bestenfalls wohlmeinend-verunglückte Akronym LSBTIQA (für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Intersexuelle, Queere und Asexuelle) als ein Druckfehler oder unlesbarer Buchstabensalat daherkommt, geht Lichtjahre am Alltagsleben der Gesellschaft vorbei. Es ruft allenfalls ein Schmunzeln hervor.

Immer wieder hat die Fachsprache weltfremder Wissenschaftler eine gedankliche Tiefe ihrer Erkenntnisse suggeriert, die sich bei näherer Betrachtung allenfalls als trivial erwiesen hat.

Mein Küchentisch zum Beispiel hat überhaupt kein Geschlecht obwohl er den Artikel „der“ erzwingt. Wie schön wäre es, wenn mancher Sprachregler die schlichte Erkenntnis gewönne, dass Genus nicht gleich Sexus ist. Die Engländer haben es da mit ihrer Sprache leichter.

Immerhin bleibt ein Trost: Manchem, dem ein Amt gegeben wird, geht darüber der Verstand verloren. Wie gut, dass das im Fall der eingangs erwähnten Sprachschöpfer so offensichtlich zu werden scheint. Damit kann man um- und zum Alltagsgeschäft übergehen.

“Schluss mit der Profitgier”

Wer in Deutschland streikt, darf sich der Sympathie weiter Teile der Öffentlichkeit gewiss sein. Immer wenn die Mitarbeiter der Berliner BVG streiken, haben sie das ganze Mitgefühl aller stehen gelassenen Fahrgäste, die später mit jeder pünktlich erfolgenden Preiserhöhung für die Lohnforderungen des Betriebspersonals bezahlen müssen. Warum? Weil viele Menschen den Zusammenhang zwischen Tarifforderung und Preisentwicklung für den Verbraucher ignorieren.

Wenn in diesem Tagen also Spitzenverdiener der Lufthansa in den Ausstand treten, scheinen sie auf die Empathie ihrer Passagiere zu setzen. Die aber hält sich in Grenzen. Inzwischen weiß jeder, dass Piloten der Lufthansa durchschnittlich mehr als 180.000 Euro im Jahr verdienen. Spitzenverdiener unter den Kranichnavigatoren verdienen rund 240.000 Euro. Wenn die Leistungsverweigerer sich mit ihrer Forderung nach einer Erhöhung um zehn Prozent durchsetzen, haben sie das Jahresgehalt der Bundeskanzlerin erreicht. Da wirkt es wie Hohn, wenn die Flugzeuglenker mit Schildern „Schluss mit der Profitgier“ vor die Flughäfen ziehen, um ihren Forderungen Nachdruck verleihen.

Die Lufthansa-Angestellten stehen symptomatisch für eine weltvergessene Kaste von Besitzstandswahrern, die Frührente und Spitzenverdienste für eine Errungenschaft halten, die ein ehemaliger Staatsbetrieb unabhängig von der Weltkonkurrenz zu bewahren habe. Dass der Spitzenverdienst der Piloten von Ryanair mit 85.000 Euro auch schon stattlich ist und bei dem Lowcost-Carrier trotzdem keine Personalengpässe in den Cockpits oder Risikosituationen durch Finanzinsuffizienz des Personals eintreten, interessiert die Fliegerfürsten offenbar nicht. Die Verantwortung jedenfalls scheint auch bei Ryanair angemessen vergolten.

Sicher es gibt in Deutschland Tarifautonomie. Der Staat muss sich für die Löhne bei Fluggesellschaften nicht interessieren oder gar stark machen. Als Kunde muss man aber schon fragen, warum man mit dem Ticket die Umverteilung in Richtung uniformierter Halbgötter im Höhenflug mitfinanzieren soll. Die Freiheit muss über den Wolken offenbar grenzenlos und das Leben auf der Erde weit weg erscheinen. Dem Gesamtüberblick scheint das Pilotendasein nicht unbedingt förderlich. Weltvergessenheit greift um sich. Globalamnesie könnte das Phänomen heißen. Bei manchen Lufthansa-Mitarbeiter kam es schon einmal durch, dass er sich für die wirtschaftlichen Zwänge und Interessen seiner Gäste nicht all zu sehr interessiert. Sie sind ja vielfach auch gar nicht seine Gehaltsklasse.

Vielleicht lösen sich die Probleme der Lufthansa aber auf eine andere Weise. Der Streik könnte ein Beitrag zur Herstellung “fairen Wettbewerbs” sein: AirBerlin kam durch die Luftverkehrsabgabe der Bundesregierung in arge Bedrängnis. Bei der Lufthansa übernehmen das die Mitarbeiter. Durch Arbeitsverweigerung zu mehr Wettbewerbsfähigkeit? Es wird sich weisen, ob sich der Gruppenegoismus bei der Lufthansa mittelfristig auszahlt und eine angemessene Antwort auf den nachvollziehbaren Kostendruck im internationalen Flugbetrieb ist. Vielleicht geht es bald allen deutschen Fluglinien gleich – und zwar schlecht. So hätte das hehre Streikrecht aus dem 19. Jahrhundert wenigstens einen Traum der Gleichheitsfanatiker erfüllt.