Muntermacher für die Freiheit gefragt

Das schockierende Wahlergebnis vom 22.09.2013 kann Freunde der Freiheit nicht kalt lassen.Der Einzug in den Bundestag nur sehr sehr knapp verfehlt worden. 100.000 Stimmen trennen die Liberalen von der Parlamentspräsenz. Das Ergebnis der FDP am Wahlsonntag war Armutszeugnis genug. Wer sich jetzt als Fitmacher der Liberalen betätigt, sollte dem keine weiteren Armutszeugnisse hinzufügen. Zur Strategie eines Comebacks gehört es, Dinge, die man ändern kann von solchen zu trennen, die schwer oder nicht zu beeinflussen sind.

Es wäre schon viel erreicht, wenn sich Liberale die Vorurteile gegen Marktwirtschaft und Freiheit nicht zu eigen machen würden. Auch der Versuch, sich bei Zeitungsredaktionen beliebt zu machen, ist nicht aussichtsreich. Liberale müssen sagen, worauf es ankommt, auch wenn es bei der veröffentlichten Meinung nicht ankommt. Irrtümer sind das beste, was Journalisten zum Wiederaufstieg der FDP beitragen können. Lassen wir die Zeitung ihre Arbeit machen und tun wir die unsere. Die Gefahr, dass die Zeitungen sich künftig im selben Maß mit uns beschäftigen wie jetzt nach der Korrektur des „historischen Irrtums eines Wahlsieges der Liberalen im Jahr 2009″, besteht ohnehin nicht.

Was also tun? Braucht die FDP mehr Programm, neue Prinzipien, neues Personal?

Es wäre geradezu ein Ausdruck des vielfach gegenüber Liberalen geäußerten Vorurteils, sie seien intellektuelle verarmt, wenn jetzt wieder endlose Gesprächstherapien und Programmdebatten anständen. Auch die nostalgische Sehnsucht nach den Goldenen 1970ern spricht nicht für einen zukunftsfähigen Ansatz. Feststeht: Freiburg bot der FDP keine dauerhafte Perspektive, Die FDP blieb eine Partei zwischen 5,8 (1969) und 7 Prozent(1983). Das ist zwar mehr als heute. Die Liberalen jener Zeit haben jedoch neue politische Bewegungen nicht gesehen, geschweige denn antizipiert oder gar verhindert. Antworten auf die Probleme der Gegenwart sucht man bei Freiburg weitgehend vergebens.

Es ging nicht um besser wissen, es geht um besser machen.

„Früher war alles besser“ ist ohnehin keine dem Fortschritt dienende Parole. Ein neues, Grundsatzprogramm braucht es jedenfalls nicht. Ein solches hatte sich die Partei sich doch gerade kürzlich wortreich gegeben. Es fehlte der FDP nicht an Erkenntnis oder intellektueller Durchdringung der politischen Herausforderungen der Gegenwart.
Es fehlte dem Grundsatzprogramm der FDP wohl vor allem an Lesern. Es fehlte den Liberalen an der Umsetzung ihrer Ansichten gegenüber einem Koalitionspartner. Und es fehlte ihr am Mumm, auch unbequeme Diskussionen öffentlich zu führen. Die Panikattacke nach Fukushima ist dabei nur ein Beispiel fehlender Standhaftigkeit und Selbstsicherheit.

Wer sich selbst nicht vertraut, wird auch das Vertrauen der liberal denkenden Minderheit in der staatsverliebten Gesamtbevölkerung nicht gewinnen. Viele der innerparteilichen Debatten ohne klärendes Ende haben vor allem das tiefe Misstrauen der Mitglieder gegenüber der Parteiführung zur Schau getragen. Vielleicht fangen wir jetzt gerade nicht damit an, gute von schlechten Liberalen unterscheiden zu wollen. Entdecken wir den Wert der Skepsis und des Widerspruchs. Vielleicht sehen wir die Argumente der Gegner unserer Prinzipien endlich als Chance unsere eigene Haltung noch klarer herauszuarbeiten. Das Prinzip Freiheit in allen Lebensbereichen umzusetzen, bleibt unbequem, bleibt Provokation, gerade weil es Anstrengung, Selbständigkeit, Verantwortung jedes einzelnen erfordert. Haben wir den Mut zur profilierten Abgrenzung ohne den Widerspuch auszugrenzen. Suchen wir nach dem, was die Menschen bewegt und zu uns bringt, anstatt uns in sinnlosen Debatten zu ergehen, die kaum ein relevantes Problem berühren, aber viele Menschen von der Parteiarbeit abhält. Nehmen wir die liberalen Wähler und ihre Bedürfnisse in den Blick. Echter Bürgerdialog auf allen Ebenen macht die Liberalen wider zur Mitmachzentrale.

Vor der Europa besteht nun die Herausforderung darin, die Perspektiven einer liberalen Europapolitik ohne jenes hohle Pathos zu verdeutlichen, das man einem Staatsoberhaupt gestattet, das im Alltag der Menschen aber allenfalls Schulterzucken hervorruft.

Wer auch nur eine Alltagsfrage überzeugend beantworten kann, braucht die Auseinandersetzung mit den ebenso wohlklingenden, wie abwegigen Antworten unserer politischen Mitbewerber nicht zu scheuen. Wir sollten den Sozialdemokraten in allen Parteien des Bundestags nicht erlauben, uns zu erzählen, was Freiheit bedeutet. Wir sollten uns nicht erlauben, uns von ihren Fehlurteilen und Vorbehalten gegenüber der Freiheit des Einzelnen und gegen die Überlegenheit einer marktwirtschaftlichen Ordnung einschüchtern zu lassen.

Fröhliches Selbstbewusstsein ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Die Freiheit wird nicht von einer Einzelperson gerettet. Lasst andere auf einen liberalen Messias warten. Lasst uns am neuen Erfolg einer faszinierenden Idee, der Freiheit, arbeiten. Alles Gute kommt von unten. Die Tatsache, dass aktuell wenig bei der FDP zu holen ist, hält uns auch manchen Glücksritter vom Hals. Im Klärungsprozess, der der FDP bevorsteht, werden wir noch den einen und anderen verlieren. Solange wir unsere Prinzipien kennen, können wir auch unsere Perspektive zurückgewinnen. Sie wird dann nicht mehr durch das Schielen nach dem großen gefallsüchtigen Kompromiss verstellt. Die liberale Bewegung hat stets auf den Fortschritt gesetzt, nicht auf den revolutionären Umbruch. Liberale Politik ist erfolgreich wenn sie die
Praxistauglichkeit ihrer Grunderkenntnisse unter Beweis stellt und damit die Anschlussfähigkeit in einer Gesellschaft der Verächter von Freiheit und Marktwirtschaft bewahrt. Mehr Freiheit für mehr Freiheit ist eine wunderbare Perspektive. Sie hat viel erreicht und bewegt. Jedenfalls mehr als diejenigen, die nach mehr als 90 Jahren sozialistischer Luftschlösser trotz zahlreicher Gelegenheiten und brutaler Versuche noch immer keinen geeigneten Zufahrtsplan für ihre Wolkenkuckucksheime aufgezeigt haben. Der Fundamentalist ist zu allem fähig, außer zur Mehrheit. Der Sozialist ist zu allem fähig, außer zu Wohlstand.

Für die Obduktion der Freiheit ist es noch zu früh. Leichenfledderei ist unangebracht. Es gibt keine Leiche. Die Freiheit stirbt nie. Ihr scheinbarer Koma ist höchstens ein Dornröschenschlaf. Mutige Muntermacher müssen sich nun im Wachküssen üben und bewähren.