Archiv für den Monat: Mai 2013

FDWie?

Die FDP birgt immer Überraschungen: Sie ist eine Partei von Individualisten, die sich für ganz unterschiedliche Belange einsetzen und Verantwortung übernehmen. Ein Ziel eint uns: Mehr Freiheit für mehr Menschen!
Die liberale Vielfalt schlägt sich auch in der Breite ihrer Vorfeldorganisationen nieder: Da fallen dem Kenner natürlich sofort die angriffslustigen Jungen Liberalen, die selbstbewussten Liberalen Frauen, aber auch die Vereinigung liberaler Kommunalpolitiker ein. Eine Abkürzung ist nur wenigen geläufig. Sie unterscheidet sich nur in einem Buchstaben vom Namen der nahestehenden Partei, deren Grundhaltung sie teilt: Die Rede ist von der FDW. Sie haben richtig gelesen. FDW steht für Freie Demokratische Wohlfahrt. Unter diesem beinahe etwas altertümlich aufgeschlüsselten Kürzel steht eine sehr zeitgemäße Einrichtung, die wohl auch noch länger gebraucht wird, der sogenannte „Trockenraum“ im Prenzlauer Berg. Er ist eine Tageseinrichtung, in der sich fünf hochqualifizierte hauptamtliche Kräfte aus den Bereichen Psychologie, Sozialarbeit und Ergotherapie um bis zu 20 Suchtabhängige kümmern. Sie sollen ihren Weg zurück in die Freiheit, die Freiheit von Sucht, machen.
Die FDW ist der Träger des „Trockenraums“: der kleinste Träger der Sozialarbeit in Berlin. Am 29. Mai 2013 wurde in der Berhard-Lichtenberg-Straße 3 das Jubiläum gefeiert: 20 Jahre erfolgreiche Arbeit für den Weg aus der Sucht. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Mechthild Dyckmans würdigte die Arbeit. Sie fand viel Lob für Mitarbeiter und den ehrenamtlichen Vorstand mit dem Vorsitzenden Andreas Otto und die Ehrenvorsitzende Margot Oberbach. Die kleine Einheit, die Unterstützung durch menschliche Nähe und Zuwendung bürgen für den Erfolg. Er belegt, Liberale fassen nicht nur kluge Beschlüsse, sie sorgen auch für ihre Umsetzung in der Praxis. Bei der FDW wird nicht nur gegackert, dort werden auch Eier gelegt.
Einmal mehr zeigt das: Die Liberalen passen in keine Schublade, obwohl sie ständig in solche gesteckt, oder in irgendeine Ecke gestellt werden sollen. Marion Gräfin Dönhoff hat den Freunden der Freiheit ihren Platz zugewiesen: „zwischen allen Stühlen“. Das ist freilich keine bequeme Position. Deshalb lassen sich Liberale auch nicht bequem nieder. Sie stehen und arbeiten für Ihre Ziele, trotz Kritik, auch dort, wo sie ihre Überzeugung hintreibt, auch wenn Ihnen die Anerkennung verwehrt bleibt.
Die dankbare „Kundschaft“ des Trockenraums vermittelte den Aktiven der FDW Genugtuung und Anerkennung, die ihnen in der Öffentlichkeit vielfach verwehrt bleiben. Das lässt einen über manchen oberflächlichen Kommentar hinweg auf die tatsächliche Leistung innerhalb der eigenen Reihen sehen: Die FDP kann sich zur FDW gratulieren. Alles Gute und auf viele weitere Jahre !

Kreuzberger Züge sind lang ..

Was haben der European Song Contest (ESC) und der Karenval der Kultur gemeinsam? Ja, beide sind eine internationale Angelegenheit, die den Reichtum europäische (Pop-)Kultur präsentieren. Beide Veranstaltungen werden immer auch genutzt, um politische Botschaften zu platzieren. Manchmal werden sie auch für abwegige politische Schlussfolgerungen vereinnahmt. Thomas Schreiber, der ESC-Programmverantwortliche macht nun die Politik der Bundesregierung dafür verantwortlich, dass der deutsche Beitrag zum Europäischen Bardenwettbewerb so gar nicht reüssieren konnte. Das ist freilich bedauerlich, hatten doch alle von der ARD bestallten Kommentatoren eine Platzierung unter den ersten Zehn vorhergesagt. (Da kann ich ja gleich bei Forsa nach dem Ausgang der Bundestagswahl für die FDP fragen, wenn ich jemanden brauche, der mir für teures Geld hinterher erklärt, warum er vorher falsch gelegen hat.)

Nun war es also die Politik der Bundesregierung, die Österreich, die Niederlande und andere europäische Nachbarn dazu gebracht hat, nicht für das –  wie es bei deutschen Journalisten hieße, wenn es sich um eine Schauspielerin handeln würde – “Vollweib” zu stimmen. Gut, dass Thomas Schreiber bei der ARD für Fiktion und nicht für Fakten zuständig ist. Sein plumper Erklärungsversuch für einen schlechten Beitrag ging dann selbst Spiegel-online zu weit und wurde zurecht kritisiert. Das ist erstaunlich, ist  den Hamburger Journalisten doch sonst kein fadenscheiniger Vorwurf zu plump, keine Faktenlage zu dünn, wenn es nur gegen die Bundesregierung geht.

Vielleicht sollte sich Thomas Schreiber mit Frau Marianne Burkert-Eulitz von den Berliner Grünen in Verbindung setzen. Sie hat sich kürzlich darüber beklagt, dass bei „Miss-Wahlen (…) grundsätzlich Menschen unserer Gesellschaft ausgeschlossen“ werden. Auch weniger schöne Damen sollten eine Chance kriegen, so ihre Forderung. Danach hat sich die ARD ja offenbar gerichtet. Dumm nur, dass ein Wettbewerb von der Auswahl lebt. Er ist eine Leistungsschau, die zwangsläufig auch Verlierer kennt. Damit sind wir wieder in Berlin-Kreuzberg. Hier kämpfen Rote und Grüne mit Luftballons um die Gunst und Aufmerksamkeit derer, die eigentlich nur Unterhaltung und Abwechslung suchen. Davon gab es reichlich.

71 Gruppen haben sich am Karneval der Kulturen beteiligt und einen langen Zug ausgemacht. Es gab Vielfalt in Opernlänge. Laientheater im Großformat. Eine heitere Selbstdarstellung aller, die sich zwischen Trommeln und Trompeten zur Rumba kugeln. Soweit das bei dem entstandenen Lärmpegel möglich war, hat die Veranstaltung sicher sogar der Völkerverständigung gedient, zumindest in den überfüllten U-Bahnen.

Dabei haben sicher auch sommerliche Temperaturen und die reichlich geflossenen Erfrischungsgetränke eine Rolle gespielt. „Alcohol is free“ schallte es anders als auf der Bühne Malmös in Berlin nur auf den Ehrentribünen. Die so bei Laune gehaltene politische Prominenz musste sich allerdings wieder einiges anhören. Die Forderung in Kreuzberg lautete: Carneval is free.

Die Kritik richtete sich gegen das Land Berlin, das nur etwa 270.000 Euro für den Umzug auszugeben. Ist das die richtige Würdigung des breit zur Schau gestellten ehrenamtlichen Engagements? Ich meine Ja. Andernorts käme man angesichts einer  Berlin vergleichbarer Haushaltslage nicht auf die Idee mehr Geld für den Umzug von Bürgervereinen, Tanzschulen, Kulturvereinen und Vegetariern zu fordern. Bürgerstolz und Eigeninitiative sind andernorts nicht so schlecht beleumundet wie in der Bundeshauptstadt. Dass irgendwer und -etwas sich selbst finanziert, kann sich der finanzausgleichsverwöhnte Kiezgeselle nicht vorstellen. Immerhin: Die Gewerbetreibenden und fliegenden Händler am Rande des Geschehens, die ihre kulinarischen Köstlichkeiten feil boten, haben verstanden, dass ein Ereignis wie der Karneval der Kulturen einträglich sein kann. Es muss aber mit einer politischen Ambition verbunden sein, um politisch korrekt akzeptiert zu werden. Wie schon beim ersten Mai in einem anderen Postleitbereich Kreuzbergs war zwischen Gözleme und Chinapfanne wieder einmal alles zu haben. Der Karneval der Kulturen bot laut Programmheft auch einen alemannischen Beitrag. Ob dieser als Protest gegen die im Bezirk ansässige Bewegung, die ihren Mitbürgern mit dem Schlachtruf „Schwaben raus“ alle Welt öffnen möchte, wenn sie nur weg sind, gedacht war? Koi Ahnung.

Die Kultur des kreuzbergspezifischen Karnevals beginnt auf jeden Fall dezidiert außerhalb der Landesgrenzen unserer bunten Republik. Kaum auszudenken, es wäre eine fränkische Blaskapelle aufgezogen. Um der Kreuzberger Vielfalt zu entsprechen, wäre sie allenfalls als Begleitorchester balinesischer Tempeltänzerinnen zugelassen worden. Die anwesenden Blechbläser in Lederhosen erstritten sich Respekt nur mit ortsüblich geduldeter Dickebackenmusik. Alles andere wäre hier sicher als Akt der Provokation empfunden worden. Die Kreuzberger Selbstzensur wirkt. Es lebe die Vielfalt. Seine inneren Widersprüche machen den buntesten Bezirk der Stadt so attraktiv und liebenswert. Er lebt mit der Erkenntnis: Hinter dem Kreuzberg leben auch Menschen … Ein beruhigende Botschaft des Karnevals der Kulturen.