Schlichte Wahrheiten

Am 22. April hatte der Sozialverband VdK in die Alte Feuerwache in Friedrichshain-Kreuzberg eingeladen, um den Abgesang auf den Sozialstaat anzustimmen. Podiumsgäste waren Vertreter der politischen Parteien. Die Gäste waren freundliche ältere Damen und Herren, die eine Diskussion um 14.00 Uhr einer anderen Nachmittagsbeschäftigung vorgezogen hatten.
Für die FDP war der Bundestagskandidat für Friedrichshain-Kreuzberg Prenzlauer Berg-Ost, Helmut Metzner, eingeladen. Moderator Rudolf Reddig wies ihm schon in der Begrüßung seine Schublade zu: Immer wieder hätten Vertreter der FDP die Streichung der Sozialstaatsverpflichtung aus Artikel 20 des Grundgesetzes gefordert. Mit anderen Worten, die FDP wolle dem Sozialstaat an den Kragen. Der böse Bube Metzner solle sich doch bitte dafür rechtfertigen, schien Reddig zu fordern. Die Namen der Urheber dieser angeblichen FDP-Forderung waren Reddig nicht zu entlocken. Obwohl ihm das niemand vorwarf, wollte er sich nicht der Lüge bezichtigen lassen.
Die Entgegnung des anwesenden Unionsvertreters Götz Müller, der Artikel unterliege der Ewigkeitsgarantie der Verfassung und könne gar nicht gestrichen werden, quittierte Reddig mit Schweigen. Helmut Metzner selbst sollte sich gedulden, bis er etwas sagen durfte.
Zunächst sollten die anwesenden Damen auf dem Podium ihre Glücksbotschaften übermitteln. Und so überboten sich Halian Wawziyniak (Linke), Cansel Kiziltepe (SPD) und Marianne Burkert –Eulitz (B90/Die Grünen) in ihren Heilsversprechen. Kurzzeitig konnte man meinen die Bundestagswahl sei am 24. Dezember und nicht am 22. September. Ein Mindestlohn bei Euro 10,50 müsse schon sein, die Bürgerversicherung unvermeidlich, Großelterngeld sowieso. Da fiel der sympathische Schornsteinfeger Sebastian von Hoff, den die Piraten als Botschafter gesandt hatten, mit seiner Forderung nach dem bedingungslosen Grundeinkommen gar nicht mehr auf.
Da musikalische Begleitung bei der Diskussion nicht vorgesehen war, blieb es Helmut Metzner vorbehalten, das Lied „Wer soll das bezahlen?“ anzustimmen. Die Antworten waren ebenso einfach wie vorhersehbar: Erbschaftsteuer, Vermögensteuer, Spitzensteuersatz, auf jeden Fall immer das Geld der anderen Leute. Es blieb Aufgabe des bösen Buben Metzner daran zu erinnern, dass die Wirtschaft von Menschen gestaltet wird.
Jeder der 10,50 Euro Mindestlohn fordere könne ja den Inhaber des Friseurladens in Marchlewskistraße fragen, wie er diese Lohn zahlen soll, wenn er sein Angebot Euro 8,40 für den Haarschnitt aufrecht erhalten wolle. Der Hinweis auf die Verdrängung dieser Dienstleistung in die Schwarzarbeit oder ein weniger häufiger möglicher Friseurbesuch bei höheren Preisen, war den Anwesenden zu lebensnah. Auch die Frage, wie viel die Gäste denn für einen Haarschnitt zu zahlen bereit wären, blieb deshalb offen. Der Hinweis, dass die Haartrimmer zur Selbstrasur immer billiger zu haben seien, verhallte ohnenhin unerwiedert.
Da gefiel die Empörungstirade Halina Wawziyniaks als Mutter Courage des Friedrichshains schon besser. Man wähnte sich bei einem Gastspiel des Berliner Ensemble und war doch nur im Theatersaal einer ehemaligen Feuerwache. Warum denn Fakten vertreten, wenn schlichte Wahrheiten so überzeugen. Die rote Rohbotschaft war klar:
Solidarität ist eine Verpflichtung der Geber, die Empfänger selbst hatten nur Ansprüche, aber keine Pflichten. Sie seien ohnehin hilflose Opfer ihres Schicksals, die Hartz IV der Entwürdigung ausgesetzt habe. Die Anmerkung des liberalen Anwalt des Bösen, dass die rot-grünen Hartz-IV-Gesetze gute Absichten, handwerklich schlecht umgesetzt hätten, verführte die professionellen Anwälte der Entrechteten Kiziltepe und Burkert-Eulitz zur Distanzierung gegenüber dem Reformwerk der eigenen Parteien. Am Ende musste man glauben, die FDP habe seinerzeit 2002 die absolute Mehrheit besessen oder zumindest telepathisch Macht über die Regierung Schröder-Fischer ausgeübt. Helmut Metzner begriff, weshalb der Wahlkreisabgeordnete Hans-Christian Ströbele eine Sitzung im NSU-Ausschuss dem gemütlichen Nachmittag in der Feuerwache vorzog. Der Verlauf war absehbar, Neues nicht zu erwarten, die rote Mehrheit auf dem Podium auch ohne RAF-Verteidiger gesichert.
Tief im rot-grünen Märchenwald sind die Rollen klar verteilt: Das Gute ist rot und ständig bedroht, selbst da wo es im Bündnis mit den Grünen immer die Mehrheit bildet. Das Böse lauert im ungewissen Dunkel einer unüberschaubar komplexen Welt. Die politischen Wegelagerer am Waldesrand müssen es um die mitgeführten Werte erleichtern. Rote und Grüne wissen damit ohnehin besser umzugehen. Das wiederlegt zwar schon ein Blick auf die Schuldenentwicklung in Ländern unter rot-grüner Fahne, aber seit wann gelten im Märchenwald Naturgesetze oder auch nur die Regeln der Mathematik? Im Märchenwald wimmelt es von Fabelwesen: Eines davon heißt die Wirtschaft. Sie ist mit dem Markt verbündet. Mancher ahnt, dass beide von Menschen gebildet, aber gesehen hat sie noch niemand. Geschweige denn darüber nachgedacht, dass er als Verbraucher, Steuerzahler, Leistungsempfänger irgendwie dazu gehört. Das freilich würde den roten Holzschnitt doch gar zu sehr mit verwirrenden Details versehen.
So werden viele Menschen weiter nach einfachen Wahrheiten rufen und den Märchenerzählern ihre Stimme geben. Der Kampf geht weiter.