Das offene Wort

Politik ist eine Mannschaftsleistung, heißt es immer wieder. Menschen machen Politik. Einigkeit macht stark. Diese und ähnliche Appelle werden die Delegierten beim FDP-Bundesparteitag am Wochenende hören und beherzigen, oder auch nicht. Wahl hat immer auch etwas mit Auswahl zu tun. Es ziert eine liberale Partei, wenn sich ihre Leistungsträger im Wettbewerb um Führungspositionen präsentieren. 

Die Freunde der Freiheit werden sich im Wahlkampf behaupten müssen. Dazu braucht es Kämpfernaturen, die auch im Gegenwind der Öffentlichkeit stehen. Inhaltliche Klarheit und Orientierung kann da nur helfen, der Partei selbst, aber auch den Wählern. Die Liberalen haben bewiesen, dass sie zusammen raufen können. Sie müssen sicher aber zusammenraufen und zusammenreißen, um gemeinsam etwas reißen zu können.  

Sicher: Im Wahlkampf zahlt sich Einigkeit aus. Wer aber eine gemeinsame Linie vertreten will, muss sich zuvor auf den gemeinsamen Weg, sein inhaltliches und personelles Profil einigen. Das geht nicht ohne Diskussionen und Entscheidungsfreude. Der Bundesparteitag der FDP lässt auf offene Worte hoffen. Dabei sollten realistische Nachrichten und Einschätzungen  zur aktuellen Lage und Perspektive der Partei nicht zum Nachteil der Überbringer ausgelegt werden. Sich gegenseitig, auf die Schultern zu klopfen, führt allenfalls zu Haltungsschäden. Der Problemanalyse ist damit nicht gedient. Einigkeit kann man nicht befehlen, man muss sie sich erarbeiten.

Die Fähigkeit mit den richtigen Männern und Frauen zu telefonieren, mag helfen, die Stimmberechtigten einer Gremiensitzung auf seine Seite zu ziehen. Bei der Wahl entscheidet allein der Zuspruch der eigenen Wählerschaft.

Der weitere Aufstieg der Liberalen wird davon abhängen, dass die Freien Demokraten ihre Potentiale erkennen und zeigen, ihre Wähler finden und adressieren.

Die guten Politiker sind vielfach nicht diejenigen, die jedermann zu Munde reden. Es sind diejenigen, die auch das sagen, was ihre Zuhörer nicht hören wollen.

Bei den zurückliegenden drei Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein waren Liberale davon überzeugt, ihr Erfolg sei den Lichtgestalten an der Landesspitze geschuldet. Dann kam Niedersachsen. Dort bewies ein seriös und kompetent auftretender aber glitterfreier Spitzenkandidat, dass eine Landespartei auch ohne Promifaktor, besonderer Eloquenzvermutung und Draht zu Bild und Zeit erfolgreich sein kann. 

Selbst wenn man einen nicht verwerflichen Umgang  mit Erst- und Zweitstimme unterstellt, vergibt der Wähler auch in Niedersachsen seine Zweitstimme bei vollem Bewusstsein. 9,9 Prozent haben sich in Niedersachsen für das liberale Angebot entschieden.  

Wenn die Delegierten der FDP am Wochenende über ihre Führung entscheiden, geht es nicht zuerst um die Weichenstellung für das nächste Bundeskabinett. Der Weg dorthin bleibt steinig und eine Gemeinschaftsaufgabe aller Liberalen. Da sind die Häuptlinge so gefragt wie die Indianer. Die liberale Führung ist so stark wie die Solidarität, die sie von den eigenen Kräften erfährt. Sie ist so überzeugend wie die Motivation, die sie ihren Mitgliedern vermittelt. 

Es geht um die Auswahl der Kräfte, die nicht nur sich, sondern vor allem das Programm der FDP positiv präsentieren und glaubhaft umsetzen können.

Wir werden sehen, wie sich die kollektive Weisheit der Beschlussorgane sich hier als Quelle des weiteren Aufschwungs bewährt.