Leihstimmen?

Wer verleiht eigentlich hier immer die Stimmen. Das Leihhaus Adenauer? Das Willy-Brandt-Leihhaus? Nein: Allein der Wähler hat Stimmen zu vergeben. Die Parteien selbst sind gar nicht wahlberechtigt.

Wähler sind kein Stimmvieh, dass die „Volksparteien“ sich halten, um es nach Bedarf auf die Felder des Koalitionspartners ihrer Wahl zu treiben.

Auch die Motivation einer Wahl lässt sich nicht aus dem Kreuz des Wählers herauslesen. Nach dem Motto: Schweizerisches Kreuz =“echte Zustimmung“, Andreas-Kreuz =“Stütz“-Stimme. Das wäre absurd. Die strategische Wahl ist ebenso denkbar wie die Wahl aus „niederem Beweggrund“ wie z.B. einer Freiheitsphobie oder Zukunftsangst. Das Spiel „Gute Stimme (für Rot-Grün), schlechte Stimme (für Schwarz-Gelb oder umgekehrt)“ ist nur in Trittins Tiraden denkbar.

Es zeugt von einer Form von Politikverachtung, wenn den Wählern unterstellt wird, sie seien zu dumm, moralisch-richtig oder so unverschämt, taktisch klug mit ihren beiden Stimmen umzugehen.

Die Frage, welche Partei tatsächlich die vorrangige Präferenz genießt des Stimmensplitters ist aus dem Splitting nicht herauszulesen. Wieviele FDP-Wähler haben in der Vergangenheit CDU-Direktkandidaten unterstützt, weil die Solidaritätskandidatur des liberalen Direktkandidaten ehrenwert aber aussichtslos war.

Das Philosophieren darüber ist müßig. Ohne die 101 000 Stimmen früherer CDU-Wähler wäre die FDP ebenfalls weit über 5 Prozent gelandet. Die FDP braucht wie alle Partei Stimmen, die sie stützen, aber keine Stütze.

Jede Stimme stützt eine Partei. So haben die Grünen nach ersten Befragungen 95.000 Stimmen aus dem Nichtwählerlager gewonnen. Sind das jetzt Stütz- oder Leihstimmen?

Jede Stimme zählt. Sie wird gezählt, nicht gewichtet. Das unterscheidet sie auch maßgeblich von Meinungsäußerungen in Umfragen. Die darin abgebildeten Parteipräferenzen werden letztendlich nur mit Hilfe von Geheimformeln, die nur Umfrageinstitute kennen und ständig modifizieren, in eine Wahlprognose umgemünzt.

Da sich die Wahl immer kürzer vor dem Wahltag entscheidet, sind Meinungsumfragen zunehmend irrelevant. Sie können die Entwicklung der letzten Stunden und am Wahltag nicht antizipieren. Wohlweislich haben die Institutionen einen Gleichstand zwischen den „Parteilagern“ prognostiziert. Das zeigt, dass sie an ihre Grenzen stoßen.

Letztlich ist die einzige Meinungsumfrage, die interessiert, weil sie entscheidet, am Wahltag selbst erhoben worden.

Die Parteien bleiben weiter darauf angewiesen, dass ihnen Stimmen und Macht auf Zeit verliehen wird. Das ist normal.

Deshalb werden wir die Parteien weiter um unsere Stimmen werben hören. Ich habe meine Stimme übrigens auch zwischen den Wahlen nie verloren. Auch anderen täte es gut, sich politisch einzubringen, nicht nur bei Wahlen. Das knappe Ergebnis in Niedersachsen bestätigt: Jede einzelne Stimme zählt und ist von Bedeutung. Schon wenige Stimmen können eine Veränderung bedeuten. Eigentlich ein gutes Signal für die Demokratie.