Beim Barte des Proleten

Wolfgang Thierse hatte schon immer seine Probleme im Umgang mit Vielfalt. Vor einigen Jahren fiel er mit der Forderung nach einer Quote deutschsprachiger Vokalmusik für das Radio auf. Sein jüngster Streich sind Ratschläge zur Integration von Neuberlinern mit schwäbisch-alemannischem Migrationshintergrund.

Die Lektion 1 seines Sprachkurses zum Thema “heimische Backwaren” ging gründlich daneben. Man muss kein Fachmann sein, um zu wissen, dass die Vielfalt an Brotsorten unterschiedlicher Formen, Zutaten und Größen mit unterschiedlichen Bezeichnungen einhergeht. Das ist schon aus den Beschriftungen in Bäckereien ersichtlich. Schrippe ist wahrlich nicht gleich Weckle. Brötchen ist nicht gleich Brötchen. Der Gattungsbegriff Brötchen kennt viele Deviationen. Aber das ist irrelevant. 

Sollte die geschäftstüchtige Bäckereifachverkäuferin ihre Fortbildungsversuche mit für sie fremden Ethnien nicht mit Blick auf die Umsatzerwartung an einen unbelehrt eher zurückkehrenden Kunden zurückstellen? Vielleicht wäre die hier diskutierte knifflige Situation der Fehlbezeichnung einer feil gebotenen Ware auch mit einer anderen Reaktion nach „Berliner Schnauze“ zu bewältigen gewesen. Zum Beispiel: „Ick verkoof Ihnen de Schrippe och als Bulette (Der Getreideanteil ist manchmal ohnenhin gleich hoch). Hauptsache die Kasse klingelt.“

Aber der Berliner an sich ist bildungsbeflissen. Er sucht seine Mitmenschen stets zu verbessern und zu belehren, wenn er ihn überhaupt zur Kenntnis nimmt. Seine Bildungsbemühung ist dabei stets uneigennützig. Selbst bereits abschließend gebildet, investiert er ausschließlich in die Fortbildung seines Nächsten. Insofern hat Wolfgang Thierse ein Berliner Stereotyp wieder gegeben. 

Der Internationalismus der Sozialdemokratie hat einen mindestens so langen Bart wie der Ermahnungen ausscheidende Bundestagsvizepräsident. Aber vielleicht würde beiden etwas mehr Pflege gut tun. Von interregionalem Dialog hat Thierse offenbar bislang wenig gehört. Dabei stehen der deutsche Südwesten wie auch die angrenzende Schweiz nicht erst seit Peer Steinbrücks Kavallerieausritt im Visier aufmerksamer Sozialdemokraten. So hat schon August Bebel seiner Tochter geraten aus steuerlichen Gründen doch besser die Schweiz zu verlassen. In Deutschland seien die Steuern doch niedriger. Das aber waren erkennbar andere Zeiten. Im 19. Jahrhundert noch klagten Süddeutsche etwa in München über das “Verpreußen”. Heute ist der Ausländeranteil dort und erst recht im Südwesten, etwa in Stuttgart, höher als in der Bundeshauptstadt. Dort scheint man die Gebote der Gastfreundschaft und die bereichernden Aspekte der Vielfalt stärker zu schätzen.

 

Hier in Berlin, wo politische Unverantwortlichkeit weiter verhindert, dass ein leistungsfähiger Flughafen auch Gäste empfangen kann, scheint dagegen die Willkommenskultur bei weitem nicht so ausgeprägt, wie es einst der Fall war als noch die Nachfahren eines Adelsgeschlechts aus dem – mein Gott – schwäbischen Raum (!) zwischen Spree und Havel den Ton angegeben haben. 

 

Ungeklärt bleibt, ob Berlin nun wegen der Thierseschen Engstirnigkeit oder der dann wohl doch importierten Offenheit gegenüber Fremden zunehmende Einwohnerzahlen verzeichnen darf.

Dass der gebürtige Breslauer Wolfgang Thierse von der höheren Warte seiner Etagenwohnung am Kollwitzplatz in Berlin auch zu höheren Einsichten gelangt, bleibt so offen wie die Frage, wie Börek und Döner als bestens integrierte Lebensmittel nun denn berlinkorrekt benannt werden können.

 

Aber vielleicht ist das ja die Aufgabe für die Lektion 2 des politisch berlin-korrekten Lebens nach Altvater Thierse. Und während er angesichts der Auswahl an Molkereiprodukten im nahegelegenen Supermarkt an der Vielfalt der Marktwirtschaft zu verzweifeln droht, bitte ich ihn mit den Worten seines Mainzer Parteifreundes Beck „Können Sie mal das Maul halten“ um ein wohltuendes letztes Kapitel für sein hauptstädtisches Lehrbuch „Wolfgang Thierses Berliner Schweigen.“