Archiv für den Monat: Dezember 2012

Willkommen 2013

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Ich danke für das Interesse und das mitunter sehr anregende Feedback zu meinen Meinungsbeiträgen.

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Auf Wiederlesen 2013

Armes Deutschland?

Glaubt man den Schilderungen deutscher Sozialdemokraten steht Deutschland unmittelbar vor der Verelendung. Assistiert vom Paritätischen Gesamtverband und anderen Interessenverbänden der Sozialindustrie, die ihre Existenzberechtigung nachweisen müssen, zeichnen die Freunde der Verelendungstheorie ein düsteres Bild unseres Heimatlandes – trotz steigender Beschäftigungszahlen, Einnahmerekorden der öffentlichen Hand und Milliardenumsätzen im vorweihnachtlichen Handel. Da die tatsächlichen Zahlen zum Wohlstand in Deutschland so schlecht aber gar nicht sind, spricht man nicht von Armut, sondern lieber vom Armutsrisiko.

Die Angst vor einem mitunter sogar nur gefühlten Risiko hat den Politischnormalkorrekten hierzulande seit je mehr bewegt als der Blick auf die Tatsachen. Dank des Schauders vor dem sozialen Abstieg fühlt sich mancher berechtigt, wenn nicht seine eigene Situation so doch zumindest das Leid anderer ihm unbekannter Personen als bedauernswert zu empfinden. Und da dem international mäßig informierten Mitteleuropäer die eigene Funktionswäsche stets näher war als der Second-Hand-Trainingsanzug der Menschen in Afrika oder anderen echten Armutsregionen der Welt, soll er nun die Armutsschwelle von mehr als 800 Euro Monatseinkommen in unserer Republik als skandalös empfinden.

Der Bürger zwischen Kiel und Karwendel hat schon mit Blick auf den gierigen Fiskus gelernt, über seine wahren Einkommens- oder gar Vermögensverhältnisse zu klagen.

Für wirklich arme Menschen anderwärts muss das zynisch erscheinen, schlagen sie sich doch mit weniger als einer Hand voll Dollar im Monat durch’s Leben. Sie haben aber auch nicht die Ansprüche deutscher Sozialgerichte ans Leben. Für sie wäre sauberes Wasser bedeutender als das dank deutscher Rechtsprechung zum Existenzminimum gehörende Farbfernsehgerät.

Wir sehen: Armut ist relativ und hängt von den eigenen Ansprüchen an sich und gegenüber anderen ab. Wer selbst schon kein Leid erfährt, soll sich für sein persönliches Glück oder Schicksal wenigstens durch Fremdleiden entschuldigen. Wer die Armut in Deutschland nicht durch gefühlte Empirie (einem insbesondere im Fernsehen weit verbreiteten “Messverfahren”) oder aus allgemeinen Statistiken (die Armut nur als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens ausweisen) herauslesen kann, für den haben Kirchenvertreter die “stille Armut” entdeckt: Sie zeige sich etwa in der verbreiteten Nutzung der sogenannten Tafeln, die es dank privaten Engagements in Deutschland überall gibt. Die fragwürdige These hier: Die Scham halte Menschen vom Gang in die Gratisküchen ab. Es müsse schon große Not herrschen, wenn die Armenküchen solchen Zulauf hätten. Wer einmal erlebt hat, was Landsleute im Fernsehen tun oder an Unsinn erwerben, weil sie dabei einen wirtschaftlichen Nutzen oder auch nur den Zeitgewinn durch Dienstleistungen Dritter erhoffen, gibt sich indes keinen Illusionen über das durchschnittliche Schamgefühl in unserer Republik hin. Das Fremdschämen erscheint manchem ausgeprägter.

Sozialdemokraten haben es da immer einfacher: Sie sind schon durch ihre Selbstbezeichnung als sozial bewusst und verantwortlich über alle Zweifel, auch Selbstzweifel erhaben. Über den kärglichen Rest der Welt können sie dann auf dem SPD-eigenen Kreuzfahrtschiff oder bei einem von den Stadtwerken Bochum finanzierten Vortragsabend räsonieren.

Für sie scheint in Deutschland ohnehin jeder verloren, der noch nicht unter den Schirm staatlicher Sozialhilfe oder der Beamtenschaft gerettet wurde. Immer noch gibt es eine aber abnehmende Zahl von Menschen, die den sozialdemokratischen Traumberuf “pensionierter Beamter” noch nicht zu ihrem Lebensziel erklärt hat. Diese widerständige Minderheit hängt immer noch an der Illusion, es sei vernünftiger sein eigenes Schicksal nicht in die Hände von Weltenrettern zu empfehlen. Für diese armen Menschenkinder haben Geistesgrößen neben der “materiellen” und der “stillen” eine dritte Kategorie der Armut entdeckt: die geistige Armut. Wer freiwillig zugibt, es gehe ihm gut, kann in Deutschland nicht ganz bei sich sein. Wer weder still klagt, noch materiell Not leidet, muss wahnsinnig, geistig arm sein. Schon ist unser Land nur von Armen besiedelt. Schon stimmt das Weltbild jener wieder, die davon leben, das schlechte Gewissen anderer für ihre politischen Zwecke zu aktivieren.

Stell Dir vor, ich hin arm, habe es aber nicht bemerkt. Wahrscheinlich weil mir dazu das Bewusstsein oder schlicht das Verständnis fehlt. Wer hilft mir?