“Vor uns war nichts, nach uns wird nichts sein”

Am Wochenende haben die Piraten den demokratischen Diskurs neu erfunden. 

Eine Partei, die bislang außer einem gespaltenen Verhältnis zum Urheberrecht anderer, neuen staatlichen Wohltaten auf Kosten anderer und dem nicht unsympathischen Widerstand gegen staatliche Datensammelwut nichts zu bieten hatte, rundet ihr Programm ab.

Wir lernen: Auch die Piraten sind für den Weltfrieden. Außerdem sind auch die Seeräuber lieber reich und gesund als arm und krank. So reiht sich wohlfeile Überschrift an wohlfeile Überschrift und Allgemeinplatz an Allgemeinplatz.

Der Minimalkonsens ist die inhaltsleere Parole. Hinweise zur Umsetzung ihrer hehren Ansprüche bleiben die Piraten einstweilen schuldig. Sie kommen einem vor, wie der schlecht vorbereitete Grundschullehrer, der seinen Schülern immer nur eine Schulstunde voraus ist. Ob die Piraten ihren Wählern in irgendetwas voraus sind, wäre freilich noch zu überprüfen.

Die enttäuschte Liebe, die aus den Worten manches Journalisten spricht, der den zähen Parteitag am Wochenende begleiten musste, indessen ist verräterisch. Offenbar waren die Medienvertreter, die die Piraten erst einmal als Neuerfinder des politischen Systems hochleben ließen, zuvor nie auf politischen Veranstaltungen anderer Parteien. Sicher ist, dass die Ablehnung jeder Art von Geschäftsordnung die Zeitpiraterie vom Wochenende besonders enervierend erscheinen ließ.

Politik ist eben ein mitunter mühsamer Interessenausgleich, ja auch Meinungskampf. Wo die verbindenden Grundprinzipien fehlen, bleiben am Ende nur zur Langeweile geronnene Plattitüden. So spiegelt der Parteitag viel von der politischer Korrektheit wieder, die die Gesellschaft der scheinbar immerwährenden Mottoparty namens Piratenpartei beigebracht hat.

Viele, die kürzlich noch Welpenschutz für die Neupartei zu fordern schienen, sind nun ganz unmäßig in Ihrer Kritik.

Die Verhandlungsatmosphäre unter den 2000 Mitgliedern der Partei wäre vielleicht auch etwas weniger anstrengend, wenn man nicht jede Form von gepflegtem menschlichen Umgang als antiquiert abtäte. Wer gewohnt ist, via Computer Freundschaften durch Knopfdruck zu beginnen und eben so schnell zu beenden, hat möglicherweise nicht die soziale Kompetenz, auch den unmittelbaren Austausch gesittet über sich zu bringen.

Kommunikation von Angesicht zu Angesicht braucht mehr als Face to Facebook. Das aber lernen die Piraten vielleicht in der nächsten Stunde.

Andere sollen übrigens durchaus auch aus den Erfahrungen ihrer Vorfahren gelernt haben. Es gab politische Parteien vor den Piraten und es wird sie nach ihnen geben. Vielleicht wird das auch bei den Piraten realisiert. Massendemokratien regeln sich nicht nur über die medialen Marktplätze. Sicher ist Schwarmintelligenz ein interessanter Weg zur Meinungsbildung. Von Demokratie schwärmen, über Transparenz schwadronieren, letztlich aber alle Wertefragen einzig in das Ermessen der demokratischen Mehrheit zu setzen, ist ein Ausdruck von Orientierungslosigkeit, die jede Politik beliebig erscheinen lässt. Mehrheiten sagen nur, was ankommt, sie garantieren aber nicht dafür, dass geschieht, worauf es ankommt. Das hat auch dieser Parteitag transparent gemacht. Allgemeinplätze lösen kein Problem. Willkommen in der Realität.