Sind wir nicht alle ein bisschen bürgerlich?

Wenn sich politische Kommentatoren einmal auf etwas eingeschossen haben, kommen sie davon nur noch schwer weg. Jüngstes Beispiel: Die Grünen seien in der bürgerlichen Mitte angekommen. Einer sagt es, viele glauben es. Frisch behauptet ist halb bewiesen.

Kaum war das öffentlich ausgesprochen, fingen die Grünen an, dieser Interpretation ihres Marsches durch die Institutionen zu widersprechen. In Wort und in Tat: Ohne Steuererhöhungsfantasien und Forderungen nach mehr Ausgaben für Sozialleistungen konnte auch das Bundesdelegiertentreffen und Hannover nicht enden.

Grün ist gleich mehr staatliche organisierte Wohltat (Sozialleistungen) auf Kosten der Steuerzahlers. Die politische Algebra scheint zu stimmen. Aber ist das schon links? Sind sich Grüne und Konservative nicht vor allem in ihrem Paternalismus einig, der aus der Erkenntnis lebt, alles Gute komme von oben, müsse also vom Staat organisiert

Und doch lohnt auch ein Blick auf die beiden den Grünen zugeordneten Begriffe „Mitte“ und „bürgerlich“. Nicht erst seit Rainald Grebes Ausruf „Liebe Nutten, liebe Nonnen, Wahlen werden in der Mitte gewonnen.“ wissen wir, dass in Deutschland bei Wahlen nur gewinnen kann, wer sich in die Mitte der Gesellschaft gesellt. Das war das Erfolgsrezept der Regierungskoalition 2009. Dies möchten die Kommentatoren nun auch den Linken anraten: Soll Grün 2013 gewinnen, müssen sie sich für Konservative Kräfte, denen sie im Glauben an den allmächtigen Staat längst ähnlich sind, im Mimikry bürgerlicher Mitte auftreten. Zukunftsangst und Kontrollzwang hat schwarze und grüne Konservative schon immer geeint. Orientierungslose Mitglieder einer Kanzlerinnenpartei kann so eine „bürgerliche Mitte“ schon beeindrucken.

Doch „Mitte“ braucht Definition: Steht sie zwischen oben und unten, arm und reich, links und rechts? Definiert sie sich vielleicht auch aus sich selbst oder lebt sie nur von der Abgrenzung gegenüber den Extremen? All das muss klären, wer das politische Wohlfühlgebiet der Deutschen betreten und umwerben möchte. Oder er muss es bleiben lassen, um den sympathischen Allerweltsbegriff Mitte nur nicht zu sehr zu kennzeichnen und damit die Zustimmung zum eigenen Angebot zu reduzieren. Solche Unschärfe hat schon manche Worthülse zum Gefäß gemacht, in den alle Nutzer und Adressaten ihre eigene Definition hineinfüllen konnten. 

Verlassen wir also das Reich der Mitte und wenden uns dem Begriff „Bürgerlich“ zu. Was mag damit gemeint sein? Der Begriff ist so anheimelnd und geheimnisvoll wie das, was man hinter der „gutbürgerlichen Küche“ vermutet. Damit wirbt allerdings auch kaum noch jemand, weil heute die „Erlebnisgastronomie“ um so vieles verheißungsvoller klingt. (Eine Straßenbefragung zur Bedeutung Bürgerküche würde wohl bei Hackfleischbratern und frittierten Kartoffelstäbchen, dem wahrscheinlich krassen Gegenteil gutbürgerlicher Küche, enden.)

Was also ist bürgerlich in einer Gesellschaft, in der jeder volljährige Staatsbürger alle Bürgerrechte genießt und die politischen aber selbst kulturellen Unterschiede zwischen den überwundenen Ständen in Schichten sedimentiert sind? Das Selbst- und Verantwortungsbewusstsein des Staatsbürgers könnte Bürgerlichkeit ausmachen. Das Erwachen eigenen Selbstvertrauens und der Wille zur Selbstregierung waren die Triebkräfte der Freiheitsbewegung revolutionärer Kreise im 19. Jahrhundert. Aber geht es den Grünen um Selbstvertrauen? Sicher sich selbst trauen sie alles zu. Ihr Machtanspruch ist gewaltig. Sie wollen die gesellschaftliche Mehrheit hat ihr Vorsitzender Özdemir eben erst verkündet. Aber vertrauen sie auch anderen? Wohl kaum. Der grüne Gouvernantenstaat, stellt den zur Selbstbestimmung nicht befähigten Anderen (nicht-grünen) ein Heer von Beauftragten, Beamten, Beratern und Sozialingenieuren zur Seite. Bewaffnet ist dieses Heer mit Auflagen und Abgaben, Rat und Repression ,mit Vorschriften und Verpflichtungen. Nichts spricht bei dieser Bewaffnung gegenüber dem Bürger für Vertrauen in das individuelle Urteilsvermögen derer, die sich außerhalb des selbstgerechten grünen Milieus stellen. So von grünen Gängelbändern umgeben, geht die Freiheit des selbstbewussten Bürgers verloren. Wie der Spieß in alten Zeiten seine Truppe zusammenhalten wollte, weil er glaubte, sie könne nur als homogene Masse erfolgreich siegen, so wollen die Grünen ihre Mitmenschen zu ihrem Glück zwingen. Das konterkariert ihre emanzipatorischen Absichten. Sie werden zu Bürgern mit einem entscheidenden Mangel: Sie sind allenfalls Spießbürger.

Die „bürgerlichen“ Grünen sind Ergebnis einer optischen Täuschung. Wer glaubt, Jürgen Trittin habe sich vom machtversessenen Mitglied des kommunistischen Bundes Westdeutschland zum bürgerlichen Politiker gewandelt, weil er Anzüge und mitunter sogar Krawatten trägt, glaubt auch, dass rechtsextreme Skinheads automatisch ihre Gesinnung aufgeben, wenn sie plötzlich eigenes Haar oder Perücken tragen.

Täuschen wir uns nicht. Hier braucht es Klarheit im Gegenangebot und in den Begriffen.