Grüner wird‘s nicht

Das Ergebnis der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart war schon nach dem Ausgang des ersten Wahlganges absehbar. Fritz Kuhn beschert es gewissermaßen ein Comeback. Auf Bundesebene war er bei den Grünen weitgehend marginalisiert. Schon der Bundesparteitag der Bündnisgrünen 2007 in Nürnberg hat Kuhns Haltung zu Fragen der Marktwirtschaft bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Außer dem Titel „Grüne Marktwirtschaft“ ist von Kuhns Papier, das von einigem Verständnis einer liberalen Wirtschaftsordnung zeugte, nichts geblieben. 

Seitdem sank sein Stern. Kuhn selbst besann sich zusehends auf seine Wurzeln. Jetzt schließt sich sein Lebenskreis. Er erscheint in den Augen der Mehrheit aller Stuttgarter Wähler als Vertreter der grau gewordenen Grünen zum Oberbürgermeisteramt befähigt. Er wolle mit „grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben“ hieß es im Wahlkampf. Die Begünstigten grüner Politik schrieben diese Zahlen längst:

 

Auf Kosten von Strom- und Steuerzahler können sie Solarpaneele installieren und sich an Windkraftanlagen beteiligen. Unschuldiger war Klientelpolitk nie. Der Mittelstand profitiert von Programmen zur thermischen Gebäudesanierung, die nicht nach Rentabilität fragen, sondern aus dem grünen Zeitgeist aufgestiegen sind wie Kuhn aus der Asche seines bundespolitischen Abstiegs.

 

Das Milieu, das sich ebenso selbst- wie umweltgerecht verhält,  fühlt sich in der Eigentumswohnung wohler, wenn es grün wählt. Selbst Subventionen nimmt man noch freudiger entgegen, wenn man damit so tun kann, als ob sie die Welt retten helfen.

Es verwundert nicht, dass die Grünen gerade in Baden-Württemberg so reüssieren. Schon im 19. Jahrhundert fanden Beamte, die dank auskömmlicher Bestallung im Staatsdienst, ihrer existenzieller Nöte beraubt waren, vielfach den Weg zu linkem Gedankengut.

 

Selbst der schwäbische Beamte kann sich nun auch dank eines grünen Ministerpräsidenten als Vertreter der institutionalisierten Weltrevolution an die Spitze des grünen „Fortschritts“ träumen. Seit der grüne Marsch durch die Institutionen auch die bevorzugt evangelische Kirche erreicht hat, steht der Versöhnung mit dem Pietkong, jener besonders strengen Form des Luthertums, und dem grünen früheren Anhängern des Vietkongs nichts mehr entgegen. Die „Bewahrung der Sch(r)öpfung“ hat schon in den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nicht nur fortschrittliche Kräfte bewegt.

Angesichts von Heeren von Bürgerbeauftragten, Quartiermanagern und Volkspädagogen, die sich im Verein mit anderen öffentlich bestellten Gesellschaftsarchitekten an die Rettung der Welt gemacht haben, möchte man das Bibelwort neu deuten und sagen:

„Seht die Grünen im Felde: Sie sähen nicht, sie ernten nicht, aber der fleißige Steuerzahler ernährt sie doch.“

Vielleicht macht gerade die Wirtschaftskraft des deutschen Südwesten die Menschen dort problemlos experimentierfreudig. Die Industrie wird hoffentlich weiter florieren, nicht wegen, sondern trotz des grünen Zeitgeistes.

Letztlich ist es auch egal, in welcher Farbe der Stuttgarter Oberbürgermeister seinen Munizipalsozialismus einkleidet. Solange den Menschen vorgegaukelt wird, es gebe für alles eine verantwortliche Stelle, wird er in seiner eigenen Verantwortung als Voraussetzung für echte Freiheit nicht gestärkt werden. Die Umweltreligion wird den Menschen ihren Platz schon zuweisen, auch wenn sie da gar nicht sitzen wollen.

Der schwäbische Geist kehrt aus den grünen Wohngebieten Berlins in sein Ursprungsland zurück. Mal sehen, was man dort davon hat. In München übrigens regiert seit Jahren ein sozialdemokratischer Oberbürgermeister. Er hat sich nun, weil er in diesem Amt die Altersgrenze erreicht hat, zum Kandidaten für das Ministerpräsidentenamt küren lassen. In der bayerischen Staatskanzlei sitzt die CSU indes weiter fest im Sattel. 

Kuhns Stück ist also kein Zeichen für den dauerhaften Aufstieg der grünen Kräfte. Von 413.348  Stuttgarter Wahlberechtigten haben 102.741 für ein grünes Stadtoberhaupt votiert. Mehr als die Hälfte aller Stuttgarter ist gestern zuhause oder anderswo geblieben und hat nicht gewählt. Kuhn steht jetzt vor der Aufgabe, sein Versprechen Oberbürgermeister für alle Stuttgarter zu sein, einzulösen.

Wer Baden-Würrtemberg nun in den Händen grüner Gerontokraten sieht, analysiert voreilig. Es gibt Menschen, denen rieselt wie Rainer Brüderle so schön sagt, schon mit 20 Jahren der Kalk aus der Hose. Ob allerdings Kretschmann und Kuhn für einen grünen Jungbrunnen stehen, darf gleichermaßen bezweifelt werden.

Der Erfolg der grünen Aktion, den niemand bestreiten kann, wird grüne Reaktion auslösen.  Aufgabe der an Mündigkeit und Marktwirtschaft interessierten Kräfte in Deutschland muss es jetzt sein, Aktivisten, die die grüne Kehrwoche aus Schwaben zur Total-Care-Woche für ganz Deutschland machen wollen, aufzuhalten.

Grüner als die Republik schon ist, geht es nicht mehr. Im Grunde eine gute Perspektive.