Gott sieht alles, außer Youtube.

Ich denke, es ist an der Zeit, die Frauen in Deutschland zum Tragen der Burka zu verdonnern. Nicht weil ihr Anblick im Sommer vielfach mein ästhetisches Empfinden verletzt hätte (Ich komme aus Franken und bin ob der dort herrschenden Lieblichkeit der Damenwelt robust.), nein, vielmehr könnte öffentlich zur Schau gestellte Zellulitis das sittliche – oder sagen wir religiöse – Empfinden der Menschen zum Beispiel in Khartum verletzen. Ach so, sie meinen, die Menschen im Sudan würden doch die Nacktbadenden am deutschen Ostseestrand gar nicht sehen. Das ist kein Argument. Das sowohl dramaturgisch wie technisch ärmliche Laienspiel „Unschuld des Islam“ haben sie wahrscheinlich auch nicht gesehen und haben – wie es heißt – deshalb trotzdem die deutsche Botschaft verwüstet.

Wie steht es um die Fantasie dieser radikalisierten Minderheiten unter der auch im Islam glücklicherweise mehrheitlich friedliebenden Bevölkerung, dass schon der Gedanke an einen – wie es nun in Deutschland politisch korrekt heißt –  „Schmähfilm“ beleidigt? Tatsächlich fühlen sich nämlich eher als fundamentalistisch zu bezeichnende Menschen von dem Film beleidigt. Der Prophet oder gar Gott selbst hat sich zu diesem Film nicht geäußert. Wahrscheinlich kann er aktuell Youtube nicht nutzen, weil sein Internet-Explorer einem Hacker-Angriff zum Opfer gefallen ist. Er hat – wenn es ihn gibt – sicher auch besseres zu tun.

Es kann nach den Worten des Münchner Theologen Graf ohnehin bezweifelt werden, dass ein Mensch, Gott beleidigen kann. Graf schrieb diese Woche in der Neuen Zürcher Zeitung: 

„Gott bedürfe schon deshalb keines strafrechtlichen Ehrenschutzes, weil ein endliches Geschöpf ihn in seiner unbedingten Souveränität gar nicht beleidigen könne. In einem von Kant inspirierten ,Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften‘ heisst es 1827: ,Gottes Ehre kann von den Menschen gar nicht verletzt werden.‘ Ist Gotteslästerung theologisch nicht denkbar, kann man sie auch nicht bestrafen.“

Man sollte also denjenigen, die sich hier als Vollstrecker Gottes aufspielen, kein Verbandsklagerecht zur Herstellung der Integrität ihres Gottes zubilligen. Wer sind sie, dass sie glauben könnten, Gott fehle die Souveränität, über einen schlechten Film eines amerikanischen Filmemachers, der möglicherweise gar keiner oder einer anderen Religion angehört und damit nicht in die religiöse Zuständigkeit Allahs fällt, hinwegzusehen?

Westliche Werte, die westliche Demokratie waren, sind und bleiben den Anhängern eines Gottesstaates, den Feinden der Aufklärung und den Verächtern der Menschenrechte eine Provokation. Und? Sollten wir deshalb auf Meinungsfreiheit, Freiheit der Kunst, Rechtsstaatlichkeit verzichten? Immer wenn in Europa das sogenannte gesunde Volksempfinden, religiöser Fanatismus oder Unduldsamkeit dem Anderen gegenüber herrschten, hat das blutige Opfer gefordert. 

Der amerikanische Botschafter in Libyen und das mit ihm gelynchte Personal des Konsulats sind ungewollt Helden im Geiste Voltaires geworden: „Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen.“ Jeder Exponent der westlichen Welt steht in vordemokratischen Weltregionen in der Gefahr, Opfer mittelalterlicher Gesinnung zu werden. Die deutsche Botschaft in Khartum hat mit dem Filmemacher in den USA genauso wenig zu tun wie der amerikanische Präsident. Trotzdem oder gerade deshalb sind Politiker gut beraten, sich nicht auf die Seite der Fanatiker zu schlagen. Selbstbewusste Demokraten beweisen Rückgrat, verweisen auf geltendes Recht und wirken darauf hin, dass Lynchmob zur Rechenschaft gezogen wird.

In Vergewaltigungsprozessen weisen Täter vielfach darauf hin, ihr Opfer habe sie durch aufreizende Bekleidung provoziert. Es ist gut, wenn Verbrecher mit derlei Ausreden nicht durchkommen. Die liberale Gesellschaft darf Täter nicht zum Opfer machen und ihre Werte nicht ängstlichen Zugeständnissen an fundamentalistische Mullahs und andere Religionsführer opfern. Sie würde das Vergewaltigerargument nutzen:

„Die Freiheit muss sich nicht wundern, wenn sie vergewaltigt wird. Was muss sie sich auch offenherzig geben und kurze Röcke tragen.“

Das wäre der Anfang vom Ende einer menschenwürdigen Verfassung und die Einladung westliche Werte weiter durch Menschen beschneiden zu lassen, die sie nicht teilen wollen oder können.