Bitte nicht wecken. Schläfer träumt vom Sozialismus

Über Tote nichts als Gutes. Das ist die Regel, die uns die Lateiner aus Gründen der Pietät überliefert haben. Damit wäre dieser Beitrag zum 100. Geburtstag von Erick Honecker schnell beendet, weil mir nichts Positives zu ihm einfällt. Zum Glück bin ich aber Historiker und darf mich von Volksfrömmigkeit bei der Betrachtung historischer Protagonisten nicht blenden lassen. 

Die Serie “Honeckers Haus, Helfer, Herrenmode, Hirn, Hochzeit, Hund und Hüte” kann Guido Knopp dann starten, wenn er seine erhellenden Ausführungen zu anderen politischen Führerpersönlichkeit mit “H” zu Ende gebracht hat. Der Gebührenzahler des ZDF ist ja geduldig und wartet gerne auf die Darbietung der „menschlichen“ Seiten deutscher Diktatoren, wenn sie noch vor dem eigenen Ableben ausgestrahlt werden. (Was angesichts des Durchschnittsalters von ZDF-Zuschauern eine Herausforderung darstellt.)

Zum 100. Geburtstag nun aber eine dichterische Annäherung an die Lebensleistung des Erich H., die, wie aktuelle Straßenbefragungen in Berlin (Ost) eben erst bewiesen haben, ein wenig in Vergessenheit zu geraten drohen.

Den Erich, den weckt Ihr nicht wieder auf.

(Sehr frei nach der Michelsode von Heinrich Hoffmann von Fallersleben, begleitet durch das Schalmeienorchester Normannenstraße vorzutragen auf die Melodie „Das Jahr ist gut, Braunbier ist gut geraten“:)

Er ist anno 12 im Saarland geboren,

hat Herz und Verstand an Kommunisten verloren

Er lernte ein Handwerk, ich glaube Dachdecker,

Der Besung‘ne – ganz klar –  heißt Erich Honecker.

Er spielte dereinst den Parteistaatsvollstrecker.

Er betrat nach dem Krieg DDR-Land im Osten.

Die SED vergab dort die Posten.

Es sollte der Führer der FDJ sein

Er half dort, die Jugend von Freiheit befrei‘n.

Nein, Erich, Du schläferst uns nie wieder ein.

Den neuen Menschen wolltest Du züchten,

Viele zogen es vor, in den Westen zu flüchten,

Sie wollten nie wieder vor Genossen einknicken,

Und zeigten dem Staatsrat den verlängerten Rücken:

„Der Erich, der kann mich im Mondschein beglücken.“

   

Der Staat baut `nen „Schutzwall“ im Jahr einundsechzig

- Soviel Ignoranz! Seid sicher, das rächt sich. -

Mit Mauern und Draht sperrte er das Volk ein,

Die Freiheit – so kostbar – sollte wohldosiert sein.

Nein, Erich, Du schläferst uns nie wieder ein. 

Wer anderer Meinung wurd‘ schnell inhaftiert,

„Selbst Schuld“, dachte Erich, „wenn Ihr nicht kapiert:

Wir lieben Euch alle, seht das endlich ein,

Und sperren Euch deshalb als Haustiere ein.“

Nein, Erich, Du schläferst uns nie wieder ein.

Keine Wahl und kein Studium, Wohlstand nur für Genossen,

Keine Reisen! Die Freiheit war ganz ausgeschlossen.

Von Waren geträumt, die der Konsum nicht hatte,

Stattdessen gewohnt in der Arbeiter-Platte.

Nein, Erich, Deinem Zaun fehlte deutlich ´ne Latte.

Auch Dichter und Denker, die einst noch besungen,

Karl Marx, „Kapital“ und SED-Neuerungen,

Erhoben die Stimme und sagten laut „Nein!“

Sie durften nie wieder DDR-Bürger sein.

Der, Erich, er ließ sie nicht wieder herein.

„Den Sozi-alismus“ in seinem Lauf

halten weder der Ochs noch ein Esel mir auf.“

Spricht Erich und feiert den Staatsgründungstag.

Derweil fliehen Menschen über Ungarn und Prag.

Ach treff‘ doch den Erich nun endlich der Schlag.

In Rundfunk und Fernsehen stets die selben Parolen,

Belauscht von der Stasi auf ganz leisen Sohlen.

Die Wirtschaft vernichtet, die Umwelt verschmutzt

Am Ende hat dem „Honni“ das auch nichts genutzt.

„Die Straße“ hat Erich vom Thron weggeputzt.

Neunundachtzig „das Volk“ schrie: „Die Mauer muss weg“

Mauerspechte in Mengen zerhackten sie keck.

Der Erich nahm eilends nach Chile Reißaus

Im Gepäck seine Margot. Mit der Herrschaft war’s aus.

Der Erich kam nie wieder zurück nach zu Haus‘.

Noch immer schrei‘n Leute, die wohl nicht gesund,

„Den Erich noch einmal, das Experiment war nicht rund.“

Ich bitt‘ Euch, schützt uns vor `nem Amoklauf:

„DDR ist zu Ende, nun hört endlich auf.

Den Erich, den weckt Ihr mir nicht wieder auf.“