Archiv für den Monat: August 2012

Bitte nicht wecken. Schläfer träumt vom Sozialismus

Über Tote nichts als Gutes. Das ist die Regel, die uns die Lateiner aus Gründen der Pietät überliefert haben. Damit wäre dieser Beitrag zum 100. Geburtstag von Erick Honecker schnell beendet, weil mir nichts Positives zu ihm einfällt. Zum Glück bin ich aber Historiker und darf mich von Volksfrömmigkeit bei der Betrachtung historischer Protagonisten nicht blenden lassen. 

Die Serie “Honeckers Haus, Helfer, Herrenmode, Hirn, Hochzeit, Hund und Hüte” kann Guido Knopp dann starten, wenn er seine erhellenden Ausführungen zu anderen politischen Führerpersönlichkeit mit “H” zu Ende gebracht hat. Der Gebührenzahler des ZDF ist ja geduldig und wartet gerne auf die Darbietung der „menschlichen“ Seiten deutscher Diktatoren, wenn sie noch vor dem eigenen Ableben ausgestrahlt werden. (Was angesichts des Durchschnittsalters von ZDF-Zuschauern eine Herausforderung darstellt.)

Zum 100. Geburtstag nun aber eine dichterische Annäherung an die Lebensleistung des Erich H., die, wie aktuelle Straßenbefragungen in Berlin (Ost) eben erst bewiesen haben, ein wenig in Vergessenheit zu geraten drohen.

Den Erich, den weckt Ihr nicht wieder auf.

(Sehr frei nach der Michelsode von Heinrich Hoffmann von Fallersleben, begleitet durch das Schalmeienorchester Normannenstraße vorzutragen auf die Melodie „Das Jahr ist gut, Braunbier ist gut geraten“:)

Er ist anno 12 im Saarland geboren,

hat Herz und Verstand an Kommunisten verloren

Er lernte ein Handwerk, ich glaube Dachdecker,

Der Besung‘ne – ganz klar –  heißt Erich Honecker.

Er spielte dereinst den Parteistaatsvollstrecker.

Er betrat nach dem Krieg DDR-Land im Osten.

Die SED vergab dort die Posten.

Es sollte der Führer der FDJ sein

Er half dort, die Jugend von Freiheit befrei‘n.

Nein, Erich, Du schläferst uns nie wieder ein.

Den neuen Menschen wolltest Du züchten,

Viele zogen es vor, in den Westen zu flüchten,

Sie wollten nie wieder vor Genossen einknicken,

Und zeigten dem Staatsrat den verlängerten Rücken:

„Der Erich, der kann mich im Mondschein beglücken.“

   

Der Staat baut `nen „Schutzwall“ im Jahr einundsechzig

- Soviel Ignoranz! Seid sicher, das rächt sich. -

Mit Mauern und Draht sperrte er das Volk ein,

Die Freiheit – so kostbar – sollte wohldosiert sein.

Nein, Erich, Du schläferst uns nie wieder ein. 

Wer anderer Meinung wurd‘ schnell inhaftiert,

„Selbst Schuld“, dachte Erich, „wenn Ihr nicht kapiert:

Wir lieben Euch alle, seht das endlich ein,

Und sperren Euch deshalb als Haustiere ein.“

Nein, Erich, Du schläferst uns nie wieder ein.

Keine Wahl und kein Studium, Wohlstand nur für Genossen,

Keine Reisen! Die Freiheit war ganz ausgeschlossen.

Von Waren geträumt, die der Konsum nicht hatte,

Stattdessen gewohnt in der Arbeiter-Platte.

Nein, Erich, Deinem Zaun fehlte deutlich ´ne Latte.

Auch Dichter und Denker, die einst noch besungen,

Karl Marx, „Kapital“ und SED-Neuerungen,

Erhoben die Stimme und sagten laut „Nein!“

Sie durften nie wieder DDR-Bürger sein.

Der, Erich, er ließ sie nicht wieder herein.

„Den Sozi-alismus“ in seinem Lauf

halten weder der Ochs noch ein Esel mir auf.“

Spricht Erich und feiert den Staatsgründungstag.

Derweil fliehen Menschen über Ungarn und Prag.

Ach treff‘ doch den Erich nun endlich der Schlag.

In Rundfunk und Fernsehen stets die selben Parolen,

Belauscht von der Stasi auf ganz leisen Sohlen.

Die Wirtschaft vernichtet, die Umwelt verschmutzt

Am Ende hat dem „Honni“ das auch nichts genutzt.

„Die Straße“ hat Erich vom Thron weggeputzt.

Neunundachtzig „das Volk“ schrie: „Die Mauer muss weg“

Mauerspechte in Mengen zerhackten sie keck.

Der Erich nahm eilends nach Chile Reißaus

Im Gepäck seine Margot. Mit der Herrschaft war’s aus.

Der Erich kam nie wieder zurück nach zu Haus‘.

Noch immer schrei‘n Leute, die wohl nicht gesund,

„Den Erich noch einmal, das Experiment war nicht rund.“

Ich bitt‘ Euch, schützt uns vor `nem Amoklauf:

„DDR ist zu Ende, nun hört endlich auf.

Den Erich, den weckt Ihr mir nicht wieder auf.“

Operation Olympia

Am Sonntag gehen die olympischen Spiele in London zu Ende. Damit endet auch der als Operation Olympia getarnte Betriebsausflug der öffentlich-rechtlichen Sender. Heerscharen von Journalisten werden dann zu Lande und auf dem Luftweg nach Deutschland zurückkehren. Da es sich dabei keinesfalls ausschließlich um die besondere Spezies der Sportreporter gehandelt hat, darf man gespannt sein, womit die Chronisten und Kommentatoren des Weltgeschehens ihr geneigtes Publikum in Atem halten.

Immerhin fällt die Möglichkeit, offensichtliche Höchst- und Fehlleistungen durch ebenso offensichtlich unvorbereitete Begleitkommentare und allerlei Klatsch, Tratsch, Statistik und Histörchen zu „veredeln“.

Und auch wenn der gemeine Zuschauer im Sommer oder gar nach verlebtem Urlaub vielfach erst einmal in Ruhe gelassen werden möchte, sollte er sich keinen Hoffnungen hingeben.

Der Kampf um Aufmerksamkeit fordert auch in der Zeit der sauren Gurke seinen Tribut. Es zeigt sich dabei nicht nur beim Nachwuchs der Republik. Es erfasst selbst höchste politische Kreise. 

Die Bundesfamilienminister Schröder etwa: Sie und milde 13 Abgeordnete der Bundestagsfraktion der Union haben sich und ihre Kollegen an die Koalitionsvereinbarung aus dem Jahr 2009 erinnert, die die Bundesregierung darauf verpflichtet, Regelungen im Steuerrecht, die Eingetragenen Lebenspartnerschaften die gleichen Rechte wie Ehepartnern vorenthalten, zu beseitigen. Im Sommerloch ist das schon eine große Sache. Zumal wenn der zuständige Bundesminister Wolfgang Schäuble bislang keine Anstalten gemacht hat, dieser von ihm mit verhandelten Selbstverpflichtung zu folgen.

Die jährlichen Kosten für die Ausweitung des Ehegattensplittings würden mit geschätzt 30 Millionen Euro für die rund 20.000 Eingetragenen Lebenspartnerschaften bescheiden ausfallen. Im Vergleich zu ihren sonstigen Forderungen hat die Union hier also ein relative preiswerte Forderung aufgewärmt.

Der Pferdefuss scheint nun, dass die Union sich dieses vor drei Jahren gemachte Zugeständnis an die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und den gesellschaftlichen Wandel mit einer neuen Transferleistung für Familien abkaufen lassen möchte.

Das Betreuungsgeld soll‘s bringen. Deutschland hat ja erst 159 familienwirksame Leistungen in einem Gesamtvolumen von 200 Mrd. Euro. Wenn selbst die BILD-Zeitung der Union attestiert, dass sie kein konservatives Profil mehr hat, muss die Staatskasse der  Familie, der Ikone der Konservativen, der Keimzelle des Staates, der kleinsten Verantwortungsgemeinschaft (ich komme ins Sonntagsreden und kürze ab) etc. etc. eben noch eins reinbuttern.

Die Kanzlerin bleibt in der Debatte diskret im Hintergrund. Sie möchte wie die meisten Bürger der Republik um diese Jahreszeit offenbar einmal in Ruhe gelassen werden.

Weil sie damit so ist, wie viele Menschen hierzulande unpolitisch, unideologisch, pragmatisch ohne konservatives Profil, bleibt sie auch so konstant beliebt.

Angela Merkel ist die sanfte (Ver-)Führung. Sie hält sich bedeckt, wenn wieder einmal die ADS-Kinder um Aufmerksamkeit kämpfen. Es gibt sie also noch die „großen Persönlichkeiten“ die Wolfgang Kubicki eben erst wieder neben sich vermisst, um die binnensichtige Personaldebatte der FDP neu zu befeuern, weil sich deren Umfragewerte gerade erst wieder auf fünf Prozent berappelt haben. Wenn ein Konflikt die Union in die Zeitungen bringt, möchte der weiße Mann aus dem Norden dem nacheifern. So bleibt heute das Stoßgebet: Angela breit den Mantel aus und sei es auch nur der des Schweigens.

George Berhard Shaw sagte einst: Politik ist das Erfinden von Problemen, mit deren Lösung man die Öffentlichkeit in Atem hält. 

Wenn die olympischen Spiele und die Paralympics die Menschen nicht mehr in ihren Bann schlagen, muss es die Politik wieder tun. Diese Aussicht ist atemberaubend.