Japan kriegt die Höhn

Am 27. Juli fiel die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London. Die ganze Welt blickte auf das olympische Feuer, das britische Nachwuchsathleten in den festlich erleuchteten Nachthimmel der Inselhauptstadt hielten. Die ganze Welt? Nein! Eine Frau hatte an diesem Tag eine andere Mission: Bärbel Höhn trug das Licht der Erkenntnis gen Osten. 

Eine zweiwöchige energiepolitischen Sommereise führt sie nach Japan, heißt es in Medienveröffentlichungen. Und: Nach dem Reaktorunglück von Fukushima habe Bärbel Höhn Kontakte nach Nippon aufgenommen. Überall da, wo Naturkatastrophen Opfer fordern, treten zeitgleich mit Rettungskräften und Journalisten auch politische Betroffenheitstouristen auf den Plan und dringen in Gebiete vor, die noch nie ein grüner Politiker zuvor gesehen hat.

Grünschuldig berichtet denn auch die Tagesschau am 29. Juli : Grüne Partei gegründet –  in Japan. Dank des Sommerlochs erreicht uns nun also auch diese weltbewegende Nachricht. ARD-Reporter Ulrich Mengten scheint dankbar, wenn unter all dem Japanisch auch noch ein deutscher O-Ton abzuschöpfen ist. Es darf bezweifelt werden, dass er ohne Höhn Notiz von Japans Grünem (Ur-)Knall genommen hätte. Und da ist sie auch schon: Neben einer zierlichen japanischen Frau namens Uiko Hasegawa, die nicht ohne Ironie als Studentin und Expertin für zivilen Ungehorsam vorgestellt wird, steht im großgeblümtem Blazer: Bärbel Höhn. 

Ein Vortrag Höhns habe Hasegawa, dem neugewählten Vorstandsmitglied der Grünen Japans, kürzlich die Augen geöffnet. Die Erweckungspriesterin Höhn gibt derweil die Kassandra und doziert beinahe drohend für das deutsche Publikum: „Wenn die Politiker dort (in Japan, richtiger also: hier; Anmerkung des Autors) weiter am alten System der fossilen Brennstoffe und am System der Atomkraft festhalten, dann werden sie einfach gehen müssen. Und dann wird die neue Politik hier dann auch in Japan Überhand bekommen.“

Was nicht alles schon so Überhand genommen hat. Berufspessimismus zum Beispiel. Manchmal muss der Prophet, für den sich im eigenen Land kaum jemand interessiert, schon sehr weit reisen. In Japan jedenfalls nimmt kaum jemand Notiz von den Grünen. Vielleicht hat sich Bärbel Höhn auch deshalb nicht die Mühe gemacht, das Grundsatzprogramm der deutschen Grünen übersetzen zu lassen, das sie als Morgengabe zur Parteigründung überreicht hat. Japanisch hätte ja auch auf den Fotos für die aufmerksamen deutschen Medien hierzulande zu wenig sprachkundige Leser gefunden.

Es ist davon auszugehen, dass wir auch bei den bevorstehenden Gedenktagen zu Hiroshima und Nagasaki wieder von Bärbel Höhn aus Japan hören. Ihre Mission soll ja zwei Wochen dauern. (Warum nicht länger?) Soviel Zeit braucht die grün(d)liche Missionarin, um bei den Japanern dafür zu werben, wie sie am grünen Wesen genesen können. Da nimmt man weitere Schauplätze des Schauderns gerne mit. Für die dunklen Flecken der Weltgeschichte folgt auch Bärbel Höhn dem Rat der klugen Hausfrau: Fettflecken halten sich besser, wenn man sie ab und zu mit Butter bestreicht.

Die Exportnation Deutschland war schon immer auch ein produktiver Standort für Endzeitpropheten und Angstkampagnieros. Brain- and Greenwash made in Germany soll die Weltmärkte erobern. In Schweizer Zeitungen liest man indessen, dass die Anti-Atomkraft-Bewegung bei den kommunalen Wahlen in der japanischen Westprovinz Yamaguchi keinen Stich machen konnte. Auch in Kagoshima wurde der Gouverneur in seinem Amt bestätigt, obwohl er für die Wiederinbetriebnahme von Atomkraftwerken eintrat. An Strom- und Produktionsausfällen möchte dann doch niemand schuld sein. Die Evakuierten aus dem Umfeld der Kraftwerke werden großzügig entschädigt. Arbeitsplätze in der Energiewirtschaft sind gefragt. Tote hat das Reaktorunglück gottlob nicht gefordert. 

So erwecken grüne Apokalyptiker den Eindruck, die Schäden der Reaktorhavarie von Fukushima seien umso größer je weiter man vom Unfallort im Kaiserreich entfernt ist, am größten allerdings in Deutschland. Versorgungssicherheit? Preisstabilität? Wirtschaftsstandort? Die Nutzung der Kernenergie ist hierzulande in einer Panikattacke via Energiewende gewissermaßen im Handumdrehen beendet worden. 

Der Stromverbraucher aber steht betroffen: Die Meiler zu und alle Fragen offen. Es ist nicht zu erwarten, dass mit der Rückkehr Bärbel Höhns auch die Vernunft wieder nach Deutschland zurückkehrt. Die ist mit unbekanntem Ziel verreist.