Liberal Pride Movement

In diesen Tagen gehen quer durch die Republik und in der gesamten Welt wieder Hunderttausende auf die Straße: Schwule und Lesben, Bi- und Transsexuelle zeigen, dass sie Rechte haben, einfordern und viele sind. Der Christopher-Street-Day bringt Menschen auf die Straße, die in 70 Staaten der Welt von strafrechtlicher Verfolgung, in sieben Staaten sogar von der Todesstrafe bedroht werden.

Dieser politische Karneval im Sommer bringt auf ebenso unterhaltende wie farbenfrohe Weise zum Ausdruck, dass die Gesellschaft sich vor Menschen, deren sexuelle Identität sich von der Mehrheitsgesellschaft unterscheidet, nicht zu fürchten braucht. Im Gegenteil: Die fröhlichen Aufzüge zeigen den Reichtum, den Vielfalt bedeuten kann. Sie sind eine Absage an die uniforme Gesellschaft, ein Plädoyer für Nonkonfomismus und Individualität: Anderssein ist in der pluralistischen Gesellschaft in Ordnung, ok, normal. Im Umgang mit Menschen, deren Lebensweise ich vielleicht nicht nachvollziehen kann, erweist sich die Qualität einer westlich geprägten Demokratie.

Wenn heute Reisebusse mit älteren Damen und Herren an lesbisch-schwulen Straßenfesten halten, um angeleitet von Reiseführern einen Eindruck des Lebens in der Hauptstadt zu erhalten, mag das immer noch etwas an einen Besuch im bunten Tiergarten der Schöpfung erinnern, es ist aber auch ein Stück Ausdruck erfahrener Integration. Eltern mit Kinderwagen gehören ebenso zum Bild dieser Ereignisse wie ältere Herren, die bei der Auswahl ihres Gummianzuges die sommerlichen Temperaturen nicht ganz richtig eingeschätzt haben oder für manchen feuchten Ausbruch gewappnet sein wollten.

Heute sitzen die Helden der Emanzipationsbewegung in der viel gescholtenen „Provinz“, fernab der anonymen Großstadt, die noch jedem Tierchen sein Pläsierchen ermöglicht hat.  Schwule und Lesben aus der Uckermark zeigten am Wochenende in Berlins in die Jahre gekommenen „Szene“-Bezirk Schöneberg Präsenz. Ihr kommunikativer Auftritt im ländlich gestalteten „Messe-Ambiente“ strahlte eine erfrischende Selbstverständlichkeit aus. Zurecht erhielten die Aktivisten von den Veranstaltern des Motzstraßenfestes den ersten Preis für die originellste Standgestaltung.

Liberale können von derartig unaufdringlichem, fröhlichem Selbstbewusstsein nur lernen. Sie stehen wie die geschätzt fünf bis zehn Prozent Homosexuellen in der Republik gegen eine Mehrheit, die ihre Haltung wohl angestrengt toleriert, besser noch akzeptiert aber vielfach kaum nachvollziehen kann. Nun könnte sich der organisierte Liberalismus ja aufgrund von mehr als 15 Jahrzehnten seiner Existenz langsam daran gewöhnt haben, dass sein Weg zur Massenbewegung länger als wünschenswert ausfällt. Die angepasste Gefallsucht, mit der manch liberaler Aktivist seine Partei in den Redaktionsstuben des politischen Mainstreams massenkompatibel machen wollte, hat die FDP beinahe die Existenz gekostet. Darüber kann auch die Wendigkeit einiger Protagonisten, die erst beinahe alle bewährten Prinzipien negiert haben, um sich hinterher um ihre Wiederherstellung verdient zu machen, nicht hinwegtäuschen. 

Dabei haben es die Liberalen doch einfach: Während man zu Homosexualität weder erzogen noch verführt werden kann, lässt sich liberales Denken doch einüben und glaubhaft erläutern. Dazu freilich dürfen sich die Freunde der Freiheit nicht kleinreden und -machen lassen, oder sich in den einheitsgrauen Tarnanzug der staatsverliebten Mehrheitsgesellschaft hüllen. Sie müssen ihren Standpukt freisinnig und selbstbewusst vertreten. Das überwindet Vorurteile, schafft Anerkennung und Respekt. Die Liberalen sollten nicht die letzte ungeschützte Minderheit Deutschlands werden wollen. Die Schwulen und Lesben haben es vorgemacht. Es ist Zeit für ein Liberal Pride Movement in Deutschland . Die Liberalen haben allen Grund, stolz auf die friedens- und wohlstandsfördernde Wirkung liberaler Politik zu sein. Selbstbewusste Selbstdenker braucht die Republik. Dann finden sie auch eine deutsche Übersetzung für das Liberal Pride Movement der Freunden der Freiheit. Sagen wir selbstbewusst: Ich bin was ich bin – liberal.