“Soziale” Medien

Soziale Medien sind digitale Kommunikationsmittel, Techniken und Software, die es  Menschen ermöglichen miteinander in Austausch zu treten und Inhalte allein und in Gemeinschaft zu gestalten. Soweit die landläufige Definition. So allgemein, so gut. In Deutschland verspricht das Beiwort „Sozial“ üblicherweise noch weitere Qualitäten (Siehe auch Soziale Marktwirtschaft), die dem begleiteten Hauptwort scheinbar nicht eigen sind. Aber bedarf nicht jedes Medium des sozialen Umfeldes? Mehr noch wird das Medium nicht erst durch die Sender und Empfänger-Funktion zum Medium?

Ist Social Media also nur eine verkaufsfördernde Produktbezeichnung? Oder bezieht sich der Begriff „Sozial“ auf die besondere Qualität, des in diesem Medium gepflegten Austauschs? Hier nährt schon ein oberflächlicher Blick auf nahezu jede Diskussion in Facebook Zweifel. Nicht immer geht mir dem technischen Beherrschen des „sozialen Mediums“ das Beherrschen auch nur rudimentärer Diskussionskultur oder nennen wir es einfach einmal altmodisch Umgangsformen einher. Die Mängel in Rechtschreibung und Grammatik lasse ich einmal außen vor. Mit derartigen Spitzfindigkeiten kann Bastian Sick Bücher verkaufen. Seine Belustigungsanstrengungen gehen am eigentlichen Kommunikationsproblem aber vorbei.

Anders als beim Gespräch von Angesicht zu Angesicht (deutsch für: Face to Face) fallen wesentliche Elemente vertrauter Kommunikation weg. Mimik und Gestik lassen sich durch Pictogramme (;0)) nur unzureichend ersetzen. In einem Land, das zudem noch Probleme mit dem uneigentlichen Sprechen (=Ironie) hat, scheint der anregende, auch anspruchsvolle geistreiche Dialog via Facebook eher erschwert. Daran komme ich auch als regelmäßiger Nutzer Sozialer Medien nicht vorbei. Wenn ich also im Pyjama vor dem Flachbildschirm sitze, um mich ins Weltgeschehen oder das, was wir Nutzer dafür halten, einzubringen, stelle ich immer wieder fest, wie wenig Widerspruch ertragen, wie schnell Schimpf und Schande das Argument und Faktum ersetzen. Im Schutz des Internets lässt mancher die Kinderstube, die er möglicherweise nie hatte, vergessen.

Spätestens hier ist man versucht, von Unsozialem Medium zu sprechen.

 

Interessant ist noch etwas anderes: Immer wieder erlebe ich, wie Menschen in Cafés an ihren Rechnern sitzen und sich geschützt durch ihre iPhones, Notebooks, Tablets dem öffentlichen Raum entziehen. Sie ziehen sich vor aller Öffentlichkeit in die virtuelle Welt zurück. Mitunter beobachtet man , dass sie beim Verlassen des Lokals dem Kellner oder der Tischnachbarin ihre Rufnummer, moderner wahrscheinlich ihren Nickname in einem der Sozialen Netzwerke, zuschieben, ohne vorher auch nur ein Wort gewechselt zu haben – Möglicherweise standen sie ohnehin schon lautlos und diskret via Netzwerk in Verbindung. Social Media können also laut und unflätig, aber auch diskret und schüchtern sein. Die Nerds dieser Welt haben es erkannt. Sie verstehen aber zunehmend, dass die elektronische Welt nicht die ganze Welt ist. Menschen, die die Möglichkeiten der (längst schon nicht mehr so) Neuen Medien seit Jahren etwa zur Erwachsenenbildung nutzen, wussten längst, dass die Online-Phase stets auch eine Offline-Phase beigesellt werden soll, wenn das „Soziale Medium“ nicht ungesellig, unwirtlich und unwohnlich also unattraktiv sein soll.

Die Basis der Piraten hat nun gefordert, die Möglichkeiten der inhaltlichen Arbeit via Internet, sie nennen es modisch „liquid democracy“, stärker auch offline zu bewerben. Zu wenig, so scheint es, tut sich dort, wenn nicht neuigkeitstrunkene Journalisten täglich mehrfach auf die „liqiud democracy“ hinweisen. Diese Erfahrungen haben andere, etwa die FDP, schon vorher gemacht. Auch wenn sie dabei nicht medial “gehypt” wurden. Zwar haben die Liberalen nicht so schöne neue Begriffe für den Internetdialog etwa zu Wahlprogrammen gefunden, wie ihre vorübergehend exotisch wirkenden Mitbewerber. Aber diejenigen, die sich mit der gemeinsamen Arbeit an Inhalten im Internet länger beschäftigen, habe längst geahnt, dass über „liquid democracy mehr berichtet wird als tatsächlich in ihm gearbeitet wird. Als Modernitätssignal für die Medien hat es immerhin getaugt. Oberflächlichkeit und vorgespiegelter Dialog dürfen demokratische Freiheit und Dialog nicht ersetzen.

Wie arm es um die Kommunikationsfähigkeit der Piraten tatsächlich bestellt ist, zeigt die kürzlich bekannt gewordene Antwort auf eine Bürgeranfrage an die Selbsthilfeorganisation parteienkritischer Freibeuter: Statt in vollständigen Sätzen wurden dem freundlich-kritisch fragenden Bürger mit netzüblichen Dreisilbenkürzeln geantwortet, die zwar kein Argument zum besten gegeben, wohl aber den Spott und die Verachtung gegenüber dem offenbar missliebigen Petenten geoffenbart haben. Wie schön, wenn Transparenz auch die Grenzen eigener Mitteilungs- und Diskussionsfähigkeit zu Tage förder. Stell Dir vor, Du bist blöd und jeder sieht es.

Ich bin sehr dankbar, dass derartiger Kommunikationsabfall auf der umweltfreundlichen Müllhalte der unendlichen Weiten der drei W landen und nicht tatsächlich den öffentlichen Raum akkustisch verunzieren.

 

Sonst gilt für mich: Face to Facebook ist eine hilfreiche Krücke, sie kann aber das ganzheitliche Erlebnis einer unvermittelten Begegnung von Mensch zu Mensch nicht ersetzen. Vielleicht ist auch das das Geheimnis, weshalb die „Sozialen Medien“ vielfach zur Anbahnung echten zwischenmenschlichen Austausch dienen. Merke: Auch mediale Masturbation bleibt nur ein Substitut: Selbstbefriedigung. Vielleicht ist es doch eine zeitlose Erkenntnis: Wir müssen reden…