Im Zelt für eine bessere Welt

Die Campingsaison hat begonnen. Kaum sind die Außentemperaturen wieder etwas angenehmer treten sie wieder ans Licht, die wilden Camper, die nicht das Grüne suchen, sondern das Graue: Die Straße und Plätze deutscher Innenstädte, wo sie durch Zeltlager die Weltprobleme wegsitzen wollen.

In der Innenstadt von Frankfurt am Main, der Trutzburg der Hochfinanz, sorgten einige Tausend selbsternannte Wirtschaftsfachleute für einen tagelang andauernden Ausnahmezustand. Gerichtsbeschlüsse verhinderten Dauerdemos. Die Richterschelte der Demokratieverteidiger unter der Occupy-Bewegung ließ da nicht lange auf sich warten. Schnell war von einer Aushöhlung des Versammlungsrecht die Rede. Da waren sie wieder die selbstherrlichen politischen Ansichten einer Minderheit, die ihr eigenes Recht setzen will und aufgeregt reagiert, wenn die Rechtsprechung sich ihrer sehr speziellen Auslegung der eigenen Grundrechte nichtanschließt.

Um Provokationen und Angriffe zu vermeiden, war manchem Banker der Rat gegeben worden, besser im Pullover, keineswegs aber in Anzug und Krawatte zu erscheinen. Wenige haben sich dieser Selbstbeschneidung ihrer textilen Selbstbestimmung widersetzt. Ich selbst habe mich in der Straßenbahn durch den Prenzlauer Berg schon wiederholt verächtlichen Blicken und Bemerkungen jener besonders toleranten Großstadt-Spezies ausgesetzt, die Anzug und Fliege als unsolidarisch gegenüber dem Gruppenzwang der schlecht sitzenden Schlapperklamotte betrachtet. Doch das ist eine andere Geschichte. 

Kommen wir wieder nach Frankfurt. Von den Blockierern des Bankenviertels soll keine Gefahr für Bankangestellte in welchem Aufzug auch immer ausgegangen sein. Eine Sprecherin beeilte sich, festzustellen, man habe nichts gegen Banker, wohl aber gegen Banken. Interessant! Ob sie über diese Bemerkung mehr als nur einen Augenblick nachgedacht hat. Gegen Hochhäuser aus Stahl und Glas wollte sie gewiss nicht vorgehen. Architektur und Ästhetik haben in Frankfurt augenscheinlich bei den Protesten keine Rolle gespielt.

„Die Banken“, der kapitalistische Komplex stand im Mittelpunkt der Kritik. Nun muss man sich schon fragen, ob hinter diesen vielfach sehr technisch klingenden Kollektivbegriffen finstere Wesen und Dämone stecken, oder doch nur Menschen. Der Spekulant ist in Deutschland von Alters her ein beliebtes Objekt der Kritik, aber er ist auch ein Einzelwesen, in vielen Fällen sogar Bankangestellter! 

Kämpfen die Qccupy-Aktivisten gegen Kunstwesen und Chimären? Was wollen sie eigentlich? Der Widerstand gegen das internationale Kapital hat in Deutschland eine mehr als nur folkloristische Tradition. Die kapitalistische Weltverschwörung läßt sich durch eine antisemitische Zutat, die sich auch unter den amerikanischen Occupy-Verteidigern finden ließ, schnell wieder zu dem ungenießbaren Gebräu zusammenmixen, das in einer unheilvollen Mischung aus ökonmischen Analphabetismus und Neidkomplexen schon viel Leid provoziert hat. Am Ende gingen so nicht nur Bankangestellte in wenig heimeligen Lagern zu Grunde. 

Politische Probleme löst man nicht, in dem man Zelte aufschlägt, sondern durch Sachverstand und Nachdenken. In manchen ach so verpönten Bierzelt wird in dieser Sommersaison wieder mehr Sinnvolles über das Wirtschaftsleben zu erfahren sein als bei den Wiedergängern einer sozialistischen Illusion, die sich durch Verelendungs- und Verschwörungstheorien Anhänger über Generationen sichert. Denken ist so anstrengend. Die Problemdruck indes scheint mit fallenden Temperaturen abzunehmen. Wird das Wetter im Herbst wieder ungemütlicher, werden auch die Zeltstädte sich lehren. Wo geht es zum nächsten Campingplatz?