Gute Nachrichten unerwünscht!

Gute Nachrichten sind nicht erwünscht. Besonders wenn sie populären Irrtümern widersprechen. Als sich in diesem Jahr die Ereignisse zum ersten Mal jährten, die hierzulande mit dem Namen Fukushima verbunden werden, war immer wieder von den Opfern der dreifachen Katastrophe aus Erdbeben, Flutwelle und Reaktorunglück die Rede. 

Tatsächlich haben die Ereignisse, deren politische Auswirkungen Deutschland besonders getroffen haben, die erschreckende Zahl von 15.854 Todesopfern gefordert, 3.155 Personen gelten als vermisst, 500 Tote sind noch immer nicht identifiziert. Auch wenn nicht exakt zu entscheiden ist, wie viele Tote nun dem Erdbeben und wie viele der Flutwelle zuzuschreiben sind, steht heute fest: Tote hat der katastrophale Reaktorunfall von Fukushima nicht gefordert, auch wenn die Schäden an Natur und Material erheblich sind.

Das hat Professor Dr. Wolfgang-Ulrich Müller, der langjährige Vorsitzender der Strahlenschutzkommission, eingesetzt von Jürgen Trittin, befördert von Sigmar Gabriel, bestätigt. Opfer über die beiden erfolgreich behandelten Reaktormitarbeiter, die mit Radioaktivität in Berührung kamen, hinaus, oder Betroffene der Strahlenkrankheit sind nicht zu erwarten – vorausgesetzt die getroffenen Schutzmaßnahmen werden weiter beachtet. Diese an sich erfreuliche Tatsache soll Professor Müller nach den Worten von Dr. Paul, MdB, in der Bundestagsdebatte zur Energiewende am 8. März in der Vorwoche im Umweltausschuss mitgeteilt haben. Das Plenum hat dem nicht widersprochen.

Ich selbst habe den Autor des ZDF-Beitrages „Die Fukushima-Lüge“ Johannes Hano schon am 6. März schriftlich um die Mitteilung einer nach seiner Meinung realistischen Opferzahl des Reaktorunglücks gebeten. Eine Antwort habe ich bis heute nicht erhalten. Sicher kann es nicht befriedigen, dass nun erhebliche Bereiche der Gegend um Fukushima auf Sicht nicht bewohnbar sind. Unverständlich ist mir aber der Sturm der Entrüstung, der mir entgegen geschlagen ist, wenn ich die Opferzahlen des Reaktorunglücks genannt habe. Neben gefühlten Außentemperaturen scheint es auch gefühlte Opferzahlen zu geben. Dies mag mit der zumal unter Journalisten weit verbreiteten Methode der emotionalen Empirie zusammen hängen, die Erkenntnisse nicht durch Messen, Rechnen und logisches Erschließen gewinnt, sondern durch Spüren und Fühlen. Die Nennung der tatsächlichen Opferzahl des Reaktorunglücks stimmt mit der Meinung über die Opferzahl nicht überein. Wer ein lieb gewonnenes und politisch sattsam instrumentalisiertes Fehlurteil entlarvt, stellt sich außerhalb des Volksempfindens.

Da wundert es nicht, dass eine andere sehr positive Mitteilung kaum bis keine Resonanz in Deutschland gefunden hat: Die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, hat sich zwischen 1990 und 2010 trotz weiter ansteigender Weltbevölkerung halbiert. Nicht nur in China, selbst in Afrika südlich der Sahara hat sich die Situation verbessert, weiß die Weltbank zu berichten. Diese sensationelle Tatsache verstößt gegen die Intuition hierzulande. Wie konnte es dazu kommen? Das fragen sich nun die Verelendungstheoretiker und Weltuntergangspropheten gerade nicht. Die Antwort passt auch nicht in ihr Weltbild. Nicht staatliche Steuerung, sondern Wachstum und Marktwirtschaft haben ermöglicht, dass die UNO ihr wichtigstes Milleniumsziel erreicht hat und zwar noch fünf Jahre früher als vorgesehen. Die Weltbank-Kommission mit Nobelpreisträger Michael Spence an der Spitze schreibt den Weltenlenkern ins Stammbuch: Nicht Umverteilung von Norden nach Süden oder etwa große Pläne für staatliche Industriepolitik seien das Erfolgsrezept, sondern die Stärkung des privaten Sektors und mehr staatliche Zurückhaltung. Diese Nachricht will sogar nicht in die Zeit passen. 

Was tun die Panikprofiteure, wenn sich die Weltlage wider Erwarten entspannt? Die Antwort hat Loriot seinen um Umsatz fürchtenden Luftschutzkellerhersteller sagen lassen: „Wir wollen doch nicht gleich mit dem Schlimmsten rechnen!“ Wo nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind, können gute Nachrichten nicht dazu herhalten, dass für die nach Sloterdijk in säkularen Demokratien notwendige Erregungsgleichgewicht zu halten. Was würden die Menschen tun, wenn sie plötzlich nicht mehr von ihrer Zukunftsangst beherrscht in die Hände von Verantwortungsträgern getrieben würden? Selbst denken und handeln? Eine Horrorvorstellung für Sozialingenieure und Gesellschaftspädagogen. Der größtanzunehmende Unfall für die Bevormundungsgesellschaft. Bleiben wir also bei den Tatsachen.