Sie können die Schuhe anbehalten

Das Spiegel-Bild Deutschlands in diesen Tagen legt nahe: Deutschland hat keine anderen Probleme als die erkaltete Liebe zwischen dem Bundespräsidenten und der Bild-Zeitung. All zu gerne wärmen manche Journalisten längst bekannte Details dieses zerrütteten Verhältnisses wieder auf, um den “Skandal” zu verlängern. Nachdem offenbar auch die Justiziare mancher Medieneinrichtungen nun aus ihrem hoffentlich verdienten Winterurlaub zurück sind, werden die Stellungnahmen differenzierter: Ein Anruf bei Kai Diekmann mag vielleicht einer besonderen Motivation bedürfen, den Tatbestand der Nötigung stellt er sicher an sich noch nicht da. 

Sicher wünschen sich viele Bundesbürger, dass der Bundespräsident auch einmal eine klare Ansage macht. Aber doch bitte nicht auf die Mailbox des Chefredakteurs der Bild-Zeitung. Die größte deutsche Boulevardzeitung ist nun wahrlich kein besonderer Garant des Beichtgeheimnisses. Wenn am Rande politischer Veranstaltungen zum Ende der vergangenen Woche nun Abschriften der wohl vierminütigen Mailbox-Äußerung des Bundespräsidenten verteilt wurden, will Kai Diekmann sich selbst an die Vorgabe des Bundespräsidenten halten, einen gezielten privaten Anflug menschlicher Regung auch als solchen behandeln.

Der Spiegel sieht die Würde des Amtes in Gefahr oder geschwunden, zitiert aber ausgiebig, was eigentlich zwischen Wulff und Diekmann bleiben sollte. Die Hamburger Entrüstungsindustrie als Erfüllungsgehilfe des Springer-Verlages? Das wäre eine neue Stufe der Medienkumpanei auf dem Weg zur vollständigen Verödung der Meinungslandschaft in Deutschland. Diekmann wird kaum noch durch die Redaktionstüren im Springer-Hochhaus passen. Der Bundespräsident hat sich offenbar privat und öffentlich bei ihm entschuldigt. So eine Unterwerfungsgeste hat kaum ein deutscher Medienvertreter je erfahren. Jetzt scheinen die Verhältnisse in Deutschland wieder gerade gerückt. Die Medienfreiheit, darauf hat die Neue Zürcher Zeitung hingewiesen, indes, war zu keinem Zeitpunkt gefährdet. Mancher mag das Amt des Bundespräsidenten als Amt des Landesvaters missdeuten, absolut, also losgelöst von Recht und Gesetz kann er nicht agieren und hat es auch nicht getan.

Die „Landeskinder“ sind zwischenzeitlich erwachsen geworden. Der Publizist Dirk Maxeiner hat sich über das „pfäffische“ im Wesen des amtierenden Bundespräsidenten aufgeregt. Zurecht: Scheinheiligkeit – wenn er das gemeint hat – scheint aber doch gerade zur Aufgabenbeschreibung des Bundespräsidenten zu gehören. Wer folgenlose Moralappelle in Kirchen ablehnt, weil er zum Beispiel am Sonntagmorgen im Bett bleiben will, der wird schon wegen Ansprachetermine lieber die Sonntagsreden des Mannes hören, den die Verfassung als Repräsentant des Staates vorsieht. Aber er ist erster unter Gleichen. Er steht dafür, dass das weit verbreitete Ideal der „mittleren Existenzen“ auch die Staatsspitze prägt. Das muss man nicht bedauern. Er ist das Spiegelbild der Gesellschaft.

Schon Theodor Heuss sah sich in seinem Amt eher als „Staatssklave im Frack“. Die Herrenmode orientiert sich heute nicht mehr an den Gewohnheiten der Oberschicht. Der Frack ist folgerichtig gestrichen, als Sklave des Mainstreams (Was bewegt sich bei dieser „Hauptströmung“ eigentlich noch?), freundlichen Empfangschef des Landes, Everybody‘s Darling möchte man den Präsidenten aber schon präsentieren. Die Sachwalter der öffentlichen Meinung Deppendorf und Schausten haben dem Präsidenten öffentliches Gehör geschenkt. Das nicht nur private sondern auch professionelle Betrachter dabei den Eindruck gewonnen haben, dass auch auf Seiten der “vierten Gewalt” unterschiedlich qualifizierte Kräfte am Werk sind, zeigt das Beispiel Bettina Schausten. Sie hat kritische Nachfragen nach ihren Logiskosten für Freunde (zum Freundschaftspreis von 150 Euro)

damit abgetan, es sei jetzt die Stunde des Präsidenten. Sie hätte auch sagen können: Was von öffentlichem Interesse ist, entscheide ich. Das zeugt vom Selbstbewusstsein deutscher Journalisten. Sie stehen ihrem politischen Gegenüber darin in kaum etwas nach. 

Dem Normalbürger – er ist der Souverän – bleibt da nur der gute Rat: Politiker sind Menschen wie andere auch: Man soll sie nicht überhöhen, ihnen keine übermenschlichen Dinge abverlangen, mit ihren Schwächen umgehen.

Schätzen wir uns glücklich, dass jeder Präsident nach Ablauf seiner Amtszeit in Pension geschickt werden kann. Wulff ist nicht Gaddafi, Mubarak oder Putin. Der Boden des Grundgesetzes wurde nicht beschädigt. Wir können die Schuhe anbehalten.