Brauche ich eine Vision?

In der Diskussion um die Zukunft des organisierten Liberalismus in Deutschland wird immer wieder behauptet, es fehle der FDP an einer tragfähigen Vision.

Obwohl ich das politische Alltagsgeschehen sehr aufmerksam verfolge, hat sich mir nicht vermittelt, was die politische Vision der Union oder der Grünen ist. Beide werden wohl auch nie nach ihrer Vision gefragt. 

Warum auch? Dem schwarzen (Alt-)Konservativen scheint das „Goldene Zeitalter“ längst vergangen, dem grünen (Neu-)Konservativen stellt sich die Zukunft düster und bedrohlich, voll von Gefahren dar. Beide begnügen sich damit die Gegenwart zu konservieren. Nachhaltigkeit heißt die Worthülse, die jeder nach seiner Fantasie mit Inhalt füllen kann. Nachhaltigkeit ist wohl auch gemeint, wenn wir gelegentlich an Toilettentüren lesen: Bitte verlassen Sie diesen Ort so, wie sie ihn vorzufinden wünschen.

Was für den Abort gelten kann, sollte doch bitte für die Welt nicht gelten. Wollen wir uns mit 1 Milliarde Hungernden weltweit abfinden? Wollen wir ihnen Wohlstand und Wachstum verweigern, weil uns in den entwickelten Ländern der Standard doch reicht? Das fragen die einen. Sollen wir uns etwa auf unserem Charterflug in die unberührte Natur künftig auch noch mit Menschen aus Afrika um die Sitzplätze balgen? Das fürchten die anderen.

Für die SPD hat Helmut Schmidt schon 1980 das ultimative Verdikt über die Notwendigkeit von Visionen gesprochen. Sein Rat: „Wer Visionen hat, solle zum Arzt gehen.“

Als Weltweiser der SPD mag Helmut Schmidt seine politischen Kontrahenten gerne für krank erklären. Ich selbst möchte es mir nicht so einfach machen.

Den Liberalen hat Ludwig Erhard, die Hausaufgabe schlechthin aufgegeben: Seine Forderung „Wohlstand für alle“ zu ermöglichen, bleibt selbst in der Wohlstandsnation Deutschland für immer noch drei Millionen Arbeitslose unerfüllt. Sie fragen uns: Wovon sollen wir morgen leben, wie unsere Familie ernähren? Das sollte Liberalen Auftrag und Herausforderung genug sein. Ihnen helfen Visionen, die bei Smoothie und Mate-Tee erörtert werden, nicht.

Visionen sind vielfach Gedankengebäude, die ganz weit weg vom konkreten Leben sind. Damit erreicht man vielleicht den politischen Feuilleton, nicht aber die Lebenswirklichkeit der leistungswilligen Normalbürger. Die Deutschen beten am liebsten: „Unsere tägliche Illusion gib uns heute.“ Das beklagte schon Gustav Stresemann. Politik aber muss ich mit dem heute Machbaren auseinandersetzen statt über das für morgen Denkbare zu fantasieren. Wer Luftschlösser baut, sollte die Zufahrtswege dorthin nicht vergessen.

Es ist erstaunlich, dass in Deutschland immer wieder nach Visionen gerufen wird. Die Erfahrungen, die Mitteleuropa mit „Visionären“ gemacht hat, sollten eigentlich von derlei Wünschen kurieren. Kaiser Wilhelms „Platz an der Sonne“ war eine Vision, die bis in die Lotterie der Gegenwart nachwirkt, nachdem sie vorher zu Imperialismus und 1. Weltkrieg geführt hat. Die Visionen des Reichskanzlers, der sich Führer nennen ließ, verhieß den Deutschen Lebensraum im Osten (mit deutlich weniger Sonnenplätzen). Sie forderten Millionen Tote. 

Politik sollte nicht primär darüber sinnieren, wie sie in die Geschichte eingeht. Sie soll den Rahmen für das tägliche Leben gestalten. Das ist den Schweiß des Tüchtigen wert, auch wenn es viel Kleinklein erfordert. Die „politischen Visionen“ Hitlers, Stalins, Pol Pots und Maos sind in Massengräbern gemündet. Sie füllen noch heute die Geschichtsbücher und Titelseiten von Magazinen. 

Erfolgreiche Politiker ergehen sich nicht in Visionen, sie lassen die Menschen ihren Weg zum Wohlstand gestalten. Das füllt zwar nicht die Titelseiten der Zeitungen aber die Taschen der Menschen, denen mehr von ihrer Hände Arbeit bleibt.

Wenn ich auf eine „Vision“ nicht verzichten will, beschränke ich mich auf die Television. Sie ist unschädlich und lässt sich schnell abstellen. Ich habe über Weihnachten reichlich abgeschaltet.