Ein Volk von Spekulanten

Nicht erst seit der Erfindung des Farbfernsehens wissen wir: Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Sie kennt viele Grautöne. Mehr noch: Sie ist sogar richtig bunt. Deswegen ist immer Vorsicht geboten, wenn Argumente ohne Zwischentöne erklingen, oder gar überall scheinbare Gegensätze auftauchen. „Die Wirtschaft“ stehe gegen die „Gesellschaft“ heißt es da häufig. Tatsächlich ist dieser vermeintliche Gegensatz ein Konstrukt ohne Realität. Die Wirtschaft wird von Menschen gestaltet, die nicht in einem fernen Paralleluniversum agieren, sondern mitten unter uns, also mitten in der Gesellschaft. Es ist kein Geheimnis: Wir sind die Gesellschaft. Und: Wir sind Wirtschaft.

Selbst Spekulanten leben nicht auf einem fremden Stern. Sie sind mitten unter uns. Es sind diejenigen, die an der Börse darauf setzen, dass ihre Investition sich auszahlt. Es sind auch die Kleinanleger, die „ihren“ Bankberater gebeten haben, ihnen die aussichtsreichste Option zu eröffnen, aus ihrem kleinen, ein großes Vermögen zu machen, zum Beispiel zur Alterssicherung.

Spekuliert haben auch die einfachen Arbeiter und Angestellten, die dem erklärten politischen Willen der Clinton-Regierung folgten und ohne notwendige Kreditwürdigkeit billiges Geld für den Erwerb von Eigenheimen geliehen haben. Als sie diese Kredite nicht mehr bedienen konnten, begann die Immobilienblase in den Vereinigten Staaten zu platzen, die erfindungsreiche Finanzberater als bestens beurteilte Anlage an (staatliche) deutsche Landesbanken verkauft hatten.

 

Da kommt es nur zu gelegen, dass Freunde der oberflächlichen Betrachtung Politikern ermöglichen, von ihrem eigenen Versagen abzulenken, wenn „die Banken“ in ihre Schranken gewiesen werden sollen.

 

Doch Spekulation findet nicht nur im fernen Land der Traumhäuser statt: Millionen Menschen spielen Lotto. Ihre Hoffnung und Spekulation: Mit geringem Einsatz den Jackpot knacken und damit die größtmögliche Investitionsrendite zu erzielen, die sich denken lässt. Dem verheißungsvollen Lottoglück gegenüber sind selbst Bankberater und Finanzdesigner ohne entsprechendes Angebot.

Hinter alle dem steht der Wunsch nach dem großen Glück, das Streben nach materiellem Wohlstand vielleicht sogar Sorglosigkeit ohne Anstrengung.

 

Ihm können sich vielfach nicht einmal die Protagonisten des öffentlichkeitswirksamen Altruismus verschließen: Gregor Gysi hat sich erst von seinem Anteil an einem geschlossenen Immobilienfonds getrennt als im Zuge der Berliner Bankenaffäre öffentlich wurde, dass er sich damit Renditeaussichten gesichert hatte, die angesichts des skandalösen Finanzgebarens der Bank unhaltbar waren.

Seien wir also nicht zu vorschnell, wenn wir uns moralisch über andere erheben. Liberale wissen um die Schwächen der Menschen und gehen mit ihnen um. Liberale Politik steht für einen allgemein akzeptierten Ordnungsrahmen, der den Spekulanten im Verbraucher sieht und ernst nimmt, ohne ihm sein nur allzu verständliches Streben nach Glück unmöglich zu machen.