Vae Victis – Überflieger!

Am Samstag sind in den USA zwei Kunstflieger abgestürzt. Zu einem weiteren Absturz kam es am Sonntag in Berlin. Die Fliegerstaffel der FDP ist mit bewährtem aber leider schlecht gewartetem Fluggerät abgestürzt.  Das Publikum  hat diesen Absturz zum Teil entsetzt, zum Teil schadenfroh zur Kenntnis genommen.

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Das mussten die Liberalen schon vor diesem Wahltag erkennen. Nicht mehr zu erkennen war indes der Kurs der blau-gelben Überflieger, die da am deutschen Polithimmel ihre Schleifen drehten. Wie die Regierung nach dem Reaktorunfall von Fukushima hat die FDP-Führung ihren Kurs ruckartig verändert. Selbst wenn man die Haltung zur Energiewende oder zum Euro-Kurs für richtig hält, zeigt sich einmal mehr: Selbst wohlwollende Freunde der Freiheit konnten den Sinn dieser Loopings nicht mehr nachvollziehen. Mehr noch: Die Liberalen setzten dem Vorwurf der Europafeindlichkeit nichts oder wenig Erkennbares entgegen.

Sicher bleibt es richtig, die öffentliche Debatte auf relevante Themen zurückzuführen, z. B. die Geldwertstabilität. Gerade in Berlin ging es im Wahlkampf zu keiner Zeit um die ernüchternden Fakten. Der Problemvermeider Klaus Wowereit nutzte seine Qualitäten als Stimmungskanone und zerschoss alle Bedenken gegenüber Rekordverschuldung und Arbeitslosigkeit in der Hauptstadt. Hartz-Brot  und Computer-Spiele wollen die Berliner. Das belegen auch die Neuankömmlinge im Parlament: Die Piratenpartei bekennt sich in Fernsehinterviews offen zu ihrem Dilettantismus und freut sich auf ihre fünfjährige Aus- und Fortbildung im Parlament. Der wissenschaftliche Dienst dort wird sie sicher kompetent unterstützen.

Die Grünen gewinnen an Zustimmung: Renate geht von Deck. Nicht ohne die Grünen dem “befreundeten Mitbewerber” – der SPD – noch schnell als “linke Partei”  als Koalitionspartei anzudienen.

Vertreter der rasierten Regierungspartei FDP versuchen nicht mehr, ihr stümperhaftes Verhalten schamhaft zu verdecken.  Bei den FDP-Kapitänen ist wieder von “Weckruf” die Rede. Diese beliebte “Wir-haben-verstanden-Variante” haben Freunde der Freiheit mindestens schon zweimal gehört.

Die Hauptstadt-FDP erfährt, dass man den eigenen Wahlkampf nicht mit Schuldzuweisungen an die Bundespartei gewinnen kann, selbst wenn sie berechtigt sind. Der blau-gelbe Widerstand gegen staatliche Vollversorgung auf Kosten Dritter muss sich in der außerparlamentarischen Opposition neu ordnen, wenn sie nach einer wilden Nacht irgendwann wieder Tageslicht sehen will.

Der FDP-Generalsekretär hat in der Hochphase des Wahlkampfes in der Hauptstadt mit Grundsatzwerkstätten außerhalb der Kampfgebiete Leuchtfeuer setzen wollen. Letztlich hat die Partei damit nur ihre Desorientierung dokumentiert und Kräfte an Nebenschauplätzen gebunden, die besser zum Feuerlöschen im Wahlkampf eingesetzt worden wären. Die FDP hat kein Theorieproblem, sie droht an der Praxis zu scheitern.  Mit der bloßen Anrufung des Geistes der liberalen Säulenheiligen und Ehrenvorsitzenden Genscher und Lambsdorff ist es nun nicht getan, auch wenn der Generalsekretär sich zurecht auf sie bezieht. Man muss deren Kurs von Menschenwürde, Mündigkeit und Marktwirtschaft auch couragiert gegenüber beschreiten. Das ist im Würgegriff des Koalitionspartners eine Herausforderung.

Klarheit gewinnt. Das wissen erfolgreiche Wahlkämpfer. Die FDP hat diese mit Blick auf Programm und strategische Perspektive vermissen lassen. Die Plakatierung im Hauptstadtwahlkampf ist dafür nur ein äußeres Zeichen. Das textlastige Frage- und Antwortspiel der FDP-Plakate ließ die Wähler offenbar kalt oder ratlos zurück. Sie haben den ehrenwerten Versuch, den Wahlkampf inhaltlich aufzuladen, leider hilflos verfehlt.

Damit sind die Aufgaben für die Freunde der Freiheit klar: Programm, Profil, Perspektive und Personal sind in der Außerparlamentarischen Opposition herauszuarbeiten und selbstbewusst zu vertreten. Dass die politischen Klasse, die sich in Berlin selbst zu drei Vierteln auf der politischen Linken verortet, dafür nur das große “Vae Victis” (“Wehe den Besiegten”)  oder “Lächerlichkeit tötet” übrig hat, darf nicht verwundern oder irritieren.

Es bleibt ein sinnloses Unterfangen, den Redaktionen von Hamburger Zeitungen und Magazinen gefallen zu wollen. Das zeigt schon die Tatsache, dass Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo am Wahlabend im Abgeordnetenhaus von Berlin sein enges Verhältnis zur grünen Spitzenkandidatin durch eine innige Umarmung dokumentieren musste. Da möchte man wirklich nicht dazwischen…

Die FDP sollte sich darauf konzentrieren, von ihren Sympathisanten und Wählern wieder als Kraft der Freiheit erkannt zu werden.

Wenn in dieser Woche der Papst die Hauptstadt besucht, sollten sich die Liberalen daran erinnern, dass sie eine Erfahrung mit der katholischen Kirche teilt: die Wiederauferstehung. Den Liberalen wird sie aber nicht von Gott geschenkt. Sie müssen an ihr arbeiten – nicht mit autistischen Selbstgesprächen, sondern im Gespräch mit den Bürgern.