Was “versteht Berlin” unter Toleranz?

Drei Eindrücke aus Berlin im Spätsommer 2011 werfen für mich Fragen auf. Ist es das, was nach Ansicht manches Stadtvermarkters das Berliner Flair ausmacht? Sehen so Weltoffenheit, Meinungsfreiheit und Toleranz im Umgang mit Minderheiten aus, die dem Mainstream widerstehen?

Eindruck 1: Im Maxim-Gorki-Theater brilliert Rainald Grebe zur Begeisterung seines Publikums im Stück „Völker schaut auf diese Stadt“. Das Publikum ist erheitert, die professionellen Zeitungskritiker sind indigniert. Die satirische Betrachtung Berlins vor der Wahl hält der Stadt das Verhalten ihrer Wähler und Politiker vor Augen. Auffällig hier: Bei der Auflistung der zur Wahl stehenden Parteien löst bereits die Nennung der Buchstabenfolge FDP affektiertes Kichern aus.

Eindruck 2: Auf dem Berliner Mierendorffplatz wird die FDP-Direktkandidatin, die man als Frau im besten Alter bezeichnen darf, unvermittelt von einer unauffällig erscheinenden Passantin ins Gesicht geschlagen.

 

Eindruck 3: Auf der Demonstration  „Freiheit statt Angst“  spuckt ein vorbeilaufender Passant im Piraten-T-Shirt einem jung(geblieben)en Liberalen ins Gesicht und schreit „Verpisst Euch“. 

Ist hier  vielleicht doch eher die Lebensstilintoleranz beschrieben, die der FDP-Spitzenkandidat zur Abgeordnetenhauswahl 2011 Chrstoph Meyer kritisiert? Nun kann man sich natürlich der “Generalverschißthese” anschließen, die jüngst zur FDP geäußert wurde. Das aber greift zu kurz. Schon vor Jahren ist die FDP – damals auf dem Höhepunkt ihres öffentlichen Ansehens – mit Eiern beworfen worden, weil sie sich am Christopher-Street-Day beteiligt hat und damit offenbar ein Privileg der politischen Linken für sich reklamiert hat.

 

Nein: Im Einklang mit der veröffentlichten Meinung, darf in Berlin jeder sagen und schreiben, was ins rot-grüne Meinungsbild passt. Abweichungen werden durch Nichtachtung sanktioniert, wenn sie sich nicht wie beim traditionell gepflegten Widerstand gegen Demonstrationen der NPD zur Selbstvergewisserung und -profilierung eignen. Die FDP ist in Fernsehformaten, die sich als satirisch bezeichnen, ein Dauerthema mit Äußerungen über die Liberalen, die oft abgegriffen, schal oder weit hergeholt sind.

Wenn es gegen die FDP geht, ist ohnehin jedes Mittel recht. Jüngstes Beispiel: Die ebenso flott vorgetragene wie wenig fundierte „Analyse“ des Morgenmagazins (WDR), die Berliner Piraten würden in der Hauptstadt zu Lasten der FDP Stimmen gewinnen. Im Einspielfilmchen darf sich dann ein Vertreter dieser neulinken Partei, die stolz darauf ist, gerade kein Programm zu Wirtschaftsfragen zu haben, als Sozialliberaler bezeichnen. Dass ihm dabei die Abgrenzung zum Neoliberalismus notwendig erscheint, belegt: Er hat von der Erfolgsgeschichte des Neoliberalen Ludwig Erhardt keine Ahnung. Aber vielleicht möchte er sich ja erst noch einlesen, wie es ein Vertreter der Einthemenpartei mit dem Freibeuterhabitus am vergangenen Donnerstag im rbb-Fernsehen zum besten gab als er nach seinem Programm im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit gefragt wurde.

Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass Berlin eine liberale Partei der Weltoffenheit und Toleranz wie auch der wirtschaftspolitischen Kompetenz braucht, für mich ist er längst erbracht. Parteien linker, roter oder brauner sozialistsicher Ansichten gibt es genug. Da muss die Mitte sehen, dass sie sich nicht von der Bildfläche wählt.