Archiv für den Monat: August 2011

Es ist noch immer gut gegangen

Wer an diesem Wochenende die Nachrichten verfolgte, hat es wieder eindrücklich erlebt: Die Beinahe-Katastrophe des Wirbelsturms vor New York belegte den ersten Nachrichtenplatz. Inzwischen ist der Konsument dieser Wettervorhersagen schon gewohnt, dass der Ankündigung einer Katastrophe die Entwarnung am Tag des vermeintlichen Unglücks folgt.

Für das Wochenende hatten Journalisten für NY einen Wirbelsturm mit Spitzengeschwindigkeiten von 200 km/h vorhergesagt. Tatsächlich waren es ca. 100 km/h. Glimpflich sei die Stadt davon gekommen. Die Erklärung für die unerwartete Entwicklung kam so schnell wie die falsche Vorhersage: Vorsichtsmaßnahmen hätten die Folgen beherrschbar gehalten. Windgeschwindigkeiten halbiert man also durch das Schließen von U-Bahnen? 

Anstatt also zu warten, was geschieht und nach dem Eintreten eines Ereignis zu berichten, ergehen sich Presse, Rundfunk und Fernsehen in wildem Alarmismus. Fantasie und Spekulation ersetzen Tatsachen und Belege vor einem Ereignis. Dem Schauder der Ankündigung folgt die Erleichterung über das Ausbleiben einer Katastrophe. Warum den Journalisten ihre erfundenen Katastrophen nicht übel genommen werden, scheint damit zusammenhängen, dass sie niemandem verantwortlich sind. Von Journalisten, die wegen ihrer erfundenen Nachrichten zurückgetreten oder wegen erwiesener Rechercheunwilligkeit den Beruf gewechselt haben, ist selten etwas zu hören gewesen.

Derweil produzieren die Nachrichtenjunkies in Medien und Politik massiven volkswirtschaftlichen Schaden, weil sie im Wettlauf um die schnellste Meldung und Reaktion selbst auf nicht eintretende Tatsachen reagieren wollen.

Gerade dieser Tage war zu lesen, dass die Vernichtung von 50 Millionen Impfdosen für die angebliche Vogelgrippenepidemie im vergangenen Jahr allein den deutschen Steuerzahler rund 230 Millionen Euro kostet. Hysterie ist ein teurer Luxus für Menschen, die ihrer existentiellen Sorgen weitgehend durch staatliche Bestallung oder erfreulichen Wohlstand enthoben sind. Viele scheinen den wohligen Schauder und den erfahrungsgemäß eintretenden Entwarnungszustand zu benötigen, um sich wenigsten von Zeit zu Zeit auf grundsätzliche Fragen zurückgeworfen zu sehen. Deshalb durfte auch die Fürbitte für gar nicht existente Opferzahlen des Wirbelsturms vor der Ostküste der USA im durch den Deutschlandfunk verbreiteten evangelischen Sontagsgottesdienst nicht fehlen.

Aller Orten wird mehr Emotionalität gefordert. Ich möchte wieder einmal anregen, doch wenigstens von Zeit zu Zeit den Verstand angeschaltet zu lassen. Im Wohlstand kann man sich Hysterie leisten. Ein Land wie Deutschland, das vielfach bereits aus der Substanz unerschrockener Generationen von Vorfahren lebt, muss vermeiden, dass die Anfälligkeit für panikartige Stimmungsschwankungen von der Bedenkenträgerei bis zur ausgewachsenen Massenhysterie vorhandene Breitenprosperität gefährdet.

Die Diskussion um die Ausstellung über die Geschichte des deutschen PEN-Clubs macht es eben wieder deutlich: Deutsche Autoren und Publizisten waren stets anfällig für die Verführungskraft der vorherrschenden Meinung. Deshalb hat sich der deutsche PEN auch im Dritten Reich gleichschalten lassen und hat so die Gründung des von Heinrich Mann geleiteten PEN-Clubs deutscher Autoren im Exil provoziert.

Heute möchte man den vielen Meinungsbildnern und Multiplikatoren unabhängigen Geist und viel Verstand wünschen, wenn sie im Umgang mit Alltagsphänomenen ihre Interpretation des Zeitgeschehens liefern. Sie können sehr viel leichter Nein zur vorherrschenden Meinung in ihrer Zunft sagen als das in Kaiserreich und “Drittem Reich” möglich war.

Vielen mag dabei vielleicht die auf breiter empirisch belegbarer Alltagsbeobachtung beruhende Erkenntnis helfen: Es ist noch immer gut gegangen.

Der nachfolgende Weltuntergang wird auf unabsehbare Zeit verschoben …