Sozial erwünschte Forschungsergebnisse

Rechtzeitig vor der Bundestagsdebatte zum Atomausstieg hat das Meinungsforschungsinstitut ipsos eine Meinungsumfrage zur Akzeptanz von Kernkraftwerken  veröffentlicht. Für den Auftraggeber Reuters News stellt das Institut fest:

„Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima hat sich die Einstellung zu Atomstrom nicht nur in Deutschland verändert. In einer von Ipsos für Reuters News durchgeführten Umfrage in 24 Ländern, gaben 62 Prozent der Befragten an, nukleare Energiegewinnung abzulehnen, davon lehnt jeder Dritte (34%) sie sogar stark ab. Ein Viertel (26%) der Atomkraftgegner weltweit gab an, die Katastrophe in Fukushima habe bei ihnen diese Einstellung ausgelöst.“

Das gibt zu denken und bewegt die Spiegel-Autorin Cordula Meyer in der aktuellen Ausgabe des Hamburger Magazins zur Meldung: „Seit Fukushima lehnt die Mehrheit der Menschheit die Atomkraft ab.“

Im April hatte das Ispos Institut in 24 Ländern Bürger befragt. Sogar in China sei eine Mehrheit von 58 Prozent der Befragten gegen die Nutzung der  Kernenergie. Meinungsforschung in einem Land ohne Meinungsfreiheit? Das erschien mir spannend. Ich schaute mir die Veröffentlichung zur Studie genauer an. Leider war nicht zu erfahren, wieviele Chinesen denn befragt wurden. Insgesamt hatten weltweit 18.787 Personen die Frage  beantwortet, ob sie die Erzeugung von Strom aus Kernkraft stark oder etwas unterstützen, ob sie das ablehnen oder strikt ablehnen.

Das heißt im Durchschnitt hat die Studie pro Land maximal 783 Befragte zur Grundlage. Damit sind zumindest erhebliche Zweifel daran angebracht, ob die Befragung repräsentativ ist. Die Stichprobe kann gerade bei angeblicher Berücksichtigung von Milliardenvölkern wie Indien und China nicht als repräsentativ betrachtet werden. Für Deutschland hält die Meinungsforschung eine Mindestzahl an 1.000 Befragten für erforderlich, wenn es darum geht, belastbare Ergebnisse zu erhalten.

 

Wenn man die gern wiederholte Behauptung, nach Fukushima sei alles anders als vorher nicht nur für eine Floskel hält, die immer – auch nach Weihnachten oder der Fußball-WM – gilt, ist es sicher gut, nach Belegen für sie zu suchen. Zu leicht sollte man es sich dabei aber nicht machen.

 

Cordula Meyer vom Spiegel hat das nicht interessiert. Ihr geht es darum, eine pandemische Ausbreitung des „Bacillus teutonicus“ – so die Überschrift ihres Beitrages – zu attestieren. Wissenschaftlich zumindest diskutable Werte scheinen da nicht zu interessieren. 

Weil das Befragungsergebnis sozial erwünscht ist, wird es künftig gerne und häufig zitiert werden. Wenn kümmert da schon ein kritischer Blick auf die Datenbasis. Wenn man sich in der Mehrheit wähnt, spielen Details keine Rolle mehr. Journalisten schreiben gerne von einander ab. „Der Spiegel“ gilt als seriös. Als „Amtsblatt des deutschen Meinungsjournalismus“ ist er über jeden Zweifel erhaben. Von der Studie werden wir also künftig immer wieder hören.

 

Die Meinungsforschung weiß von sozial erwünschten Antworten und preist das bei der Interpretation ihrer Ergebnisse ein. Ipsos liefert ein Beispiel sozial erwünschter Forschungsergebnisse. Weil sie sich aktuell gut verkaufen, muss die selbstkritische Betrachtung der Grundlage entfallen. Schließlich geht es ja darum, was die „Menschheit“ für richtig hält. Auch der Hexenwahn im Mittelalter hatte weltweit Anhänger, trotzdem war er falsch. Demoskopie gibt nur wieder, was ankommt, nicht was richtig ist. Das sollten gerade verantwortungsbewusste Journalisten nicht vergessen.