Schreibt Bücher!

Der deutsche Buchmarkt ist um ein Werk reicher: Der Titanic-Autor Christian Meurer hat sich der Lebensäußerungen des Bundesaußenministers angenommen. Auch wenn der Buchtitel “Unser Guido” Nähe zum Betrachtungsgegenstand suggeriert, fügt Meurer doch eher bekanntes aus bereits veröffentlichten Quellen, insbesondere Zeitungen, zu seiner Collage eines Politikerlebens zusammen. Die Kunst der Zweitverwertung führt leider nicht soweit, ein Minimum an Quellenkritik zu leisten.

Sicher erhebt das Werk nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Biographie. Random House bietet das Oeuvre im Bereich Satire und Humor an. Dennoch wären manche gravierende Fehler vermeidbar gewesen. So war die berühmt gewordene Pressekonferenz mit englischen Fragen an den FDP-Bundesvorsitzenden nicht am 29. September 2005, sondern am 28. September 2009. Wer sich die Mühe macht, die Schwächen seines Betrachtungssubjekts zu katalogisieren, sollte sich derlei vermeidbare Fehler nicht erlauben.

Auf 272 Seiten liest man manches, was Guido Westerwelles Erfolg bis zur Bundestagswahl ausgemacht hat: Seine Sprachgewalt, sein rhetorisches Talent – beides attestieren ihm selbst seine Lieblingskritiker – kann das Buch selbstredend nicht vermitteln. Eine Rede ist eben keine Schreibe. So bleibt das Buch merkwürdig eklektisch. Die Auswahl der Texte wirkt beliebig. Einen Erzählfaden sucht der Leser vergebens. Er wäre vielleicht auch zuviel erwartet. So bleibt das Buch oberflächlich, tiefgründige Analyse lässt es nicht entdecken.Der Autor gesteht in seiner Einleitung, dass Guido Westerwelle ein beliebtes Ziel von Komikern und Humoristen ist. Vielleicht wollte Meurer dem einfach zu bedienenden Feindbildern einer verbreiteten öffentlichen Meinung Farbe verleihen. Gelungen ist ihm immerhin ein Kompendium vorbildlicher Zweitverwertung. 

“Unser Guido” sollte jeden, der sich bislang selbstkritisch untersagt hat, die Weltliteratur mit seinen literarischen Fundstücken zu bereichern, ermuntern, auch einmal ein Buch zu schreiben: Joseph Beuys war der Auffassung, jeder Mensch sei ein Künstler. Deshalb sollte sich auch jeder als Autor sehen und versuchen.

Ich selbst habe in Meurers Werk gelernt, dass meine extravaganten Auftritte auf dem Berliner politischen Parkett mein Karriereaus begünstigt haben. Dazu musste ich mich allerdings bis in das Kapitel “Helmut Metzner macht die Fliege” auf Seite 262 durch das Werk arbeiten. Wenn das keine dieser in der deutschen Medienlandschaft so beliebte Ferndiagnose ohne persönliche Untersuchung des Patienten wäre, müsste mir das zu denken geben. Immerhin sind solchen Gutachten schon ganz andere zum Opfer gefallen. Ludwig II von Bayern, sein Todestag jährte sich am 13. Juni zum 125. Mal, zum Beispiel wurde von Dr. von Gudden nach Lage der Akten begutachtet und ohne persönliche Untersuchung für verrückt erklärt. Königlicher Trost: Gudden war immerhin tatsächlich Arzt. Der gemeine Bürger bis hin zum Außenminister muss sich sein Sozialverhalten durch selbsternannte Psychologen aus den Reihen der Gegenwartsjournalisten ohne derartige Vorbildung bescheinigen und erklären lassen. Ist das ein Fortschritt?