Archiv für den Monat: Juni 2011

Sozial erwünschte Forschungsergebnisse

Rechtzeitig vor der Bundestagsdebatte zum Atomausstieg hat das Meinungsforschungsinstitut ipsos eine Meinungsumfrage zur Akzeptanz von Kernkraftwerken  veröffentlicht. Für den Auftraggeber Reuters News stellt das Institut fest:

„Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima hat sich die Einstellung zu Atomstrom nicht nur in Deutschland verändert. In einer von Ipsos für Reuters News durchgeführten Umfrage in 24 Ländern, gaben 62 Prozent der Befragten an, nukleare Energiegewinnung abzulehnen, davon lehnt jeder Dritte (34%) sie sogar stark ab. Ein Viertel (26%) der Atomkraftgegner weltweit gab an, die Katastrophe in Fukushima habe bei ihnen diese Einstellung ausgelöst.“

Das gibt zu denken und bewegt die Spiegel-Autorin Cordula Meyer in der aktuellen Ausgabe des Hamburger Magazins zur Meldung: „Seit Fukushima lehnt die Mehrheit der Menschheit die Atomkraft ab.“

Im April hatte das Ispos Institut in 24 Ländern Bürger befragt. Sogar in China sei eine Mehrheit von 58 Prozent der Befragten gegen die Nutzung der  Kernenergie. Meinungsforschung in einem Land ohne Meinungsfreiheit? Das erschien mir spannend. Ich schaute mir die Veröffentlichung zur Studie genauer an. Leider war nicht zu erfahren, wieviele Chinesen denn befragt wurden. Insgesamt hatten weltweit 18.787 Personen die Frage  beantwortet, ob sie die Erzeugung von Strom aus Kernkraft stark oder etwas unterstützen, ob sie das ablehnen oder strikt ablehnen.

Das heißt im Durchschnitt hat die Studie pro Land maximal 783 Befragte zur Grundlage. Damit sind zumindest erhebliche Zweifel daran angebracht, ob die Befragung repräsentativ ist. Die Stichprobe kann gerade bei angeblicher Berücksichtigung von Milliardenvölkern wie Indien und China nicht als repräsentativ betrachtet werden. Für Deutschland hält die Meinungsforschung eine Mindestzahl an 1.000 Befragten für erforderlich, wenn es darum geht, belastbare Ergebnisse zu erhalten.

 

Wenn man die gern wiederholte Behauptung, nach Fukushima sei alles anders als vorher nicht nur für eine Floskel hält, die immer – auch nach Weihnachten oder der Fußball-WM – gilt, ist es sicher gut, nach Belegen für sie zu suchen. Zu leicht sollte man es sich dabei aber nicht machen.

 

Cordula Meyer vom Spiegel hat das nicht interessiert. Ihr geht es darum, eine pandemische Ausbreitung des „Bacillus teutonicus“ – so die Überschrift ihres Beitrages – zu attestieren. Wissenschaftlich zumindest diskutable Werte scheinen da nicht zu interessieren. 

Weil das Befragungsergebnis sozial erwünscht ist, wird es künftig gerne und häufig zitiert werden. Wenn kümmert da schon ein kritischer Blick auf die Datenbasis. Wenn man sich in der Mehrheit wähnt, spielen Details keine Rolle mehr. Journalisten schreiben gerne von einander ab. „Der Spiegel“ gilt als seriös. Als „Amtsblatt des deutschen Meinungsjournalismus“ ist er über jeden Zweifel erhaben. Von der Studie werden wir also künftig immer wieder hören.

 

Die Meinungsforschung weiß von sozial erwünschten Antworten und preist das bei der Interpretation ihrer Ergebnisse ein. Ipsos liefert ein Beispiel sozial erwünschter Forschungsergebnisse. Weil sie sich aktuell gut verkaufen, muss die selbstkritische Betrachtung der Grundlage entfallen. Schließlich geht es ja darum, was die „Menschheit“ für richtig hält. Auch der Hexenwahn im Mittelalter hatte weltweit Anhänger, trotzdem war er falsch. Demoskopie gibt nur wieder, was ankommt, nicht was richtig ist. Das sollten gerade verantwortungsbewusste Journalisten nicht vergessen.

Schreibt Bücher!

Der deutsche Buchmarkt ist um ein Werk reicher: Der Titanic-Autor Christian Meurer hat sich der Lebensäußerungen des Bundesaußenministers angenommen. Auch wenn der Buchtitel “Unser Guido” Nähe zum Betrachtungsgegenstand suggeriert, fügt Meurer doch eher bekanntes aus bereits veröffentlichten Quellen, insbesondere Zeitungen, zu seiner Collage eines Politikerlebens zusammen. Die Kunst der Zweitverwertung führt leider nicht soweit, ein Minimum an Quellenkritik zu leisten.

Sicher erhebt das Werk nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Biographie. Random House bietet das Oeuvre im Bereich Satire und Humor an. Dennoch wären manche gravierende Fehler vermeidbar gewesen. So war die berühmt gewordene Pressekonferenz mit englischen Fragen an den FDP-Bundesvorsitzenden nicht am 29. September 2005, sondern am 28. September 2009. Wer sich die Mühe macht, die Schwächen seines Betrachtungssubjekts zu katalogisieren, sollte sich derlei vermeidbare Fehler nicht erlauben.

Auf 272 Seiten liest man manches, was Guido Westerwelles Erfolg bis zur Bundestagswahl ausgemacht hat: Seine Sprachgewalt, sein rhetorisches Talent – beides attestieren ihm selbst seine Lieblingskritiker – kann das Buch selbstredend nicht vermitteln. Eine Rede ist eben keine Schreibe. So bleibt das Buch merkwürdig eklektisch. Die Auswahl der Texte wirkt beliebig. Einen Erzählfaden sucht der Leser vergebens. Er wäre vielleicht auch zuviel erwartet. So bleibt das Buch oberflächlich, tiefgründige Analyse lässt es nicht entdecken.Der Autor gesteht in seiner Einleitung, dass Guido Westerwelle ein beliebtes Ziel von Komikern und Humoristen ist. Vielleicht wollte Meurer dem einfach zu bedienenden Feindbildern einer verbreiteten öffentlichen Meinung Farbe verleihen. Gelungen ist ihm immerhin ein Kompendium vorbildlicher Zweitverwertung. 

“Unser Guido” sollte jeden, der sich bislang selbstkritisch untersagt hat, die Weltliteratur mit seinen literarischen Fundstücken zu bereichern, ermuntern, auch einmal ein Buch zu schreiben: Joseph Beuys war der Auffassung, jeder Mensch sei ein Künstler. Deshalb sollte sich auch jeder als Autor sehen und versuchen.

Ich selbst habe in Meurers Werk gelernt, dass meine extravaganten Auftritte auf dem Berliner politischen Parkett mein Karriereaus begünstigt haben. Dazu musste ich mich allerdings bis in das Kapitel “Helmut Metzner macht die Fliege” auf Seite 262 durch das Werk arbeiten. Wenn das keine dieser in der deutschen Medienlandschaft so beliebte Ferndiagnose ohne persönliche Untersuchung des Patienten wäre, müsste mir das zu denken geben. Immerhin sind solchen Gutachten schon ganz andere zum Opfer gefallen. Ludwig II von Bayern, sein Todestag jährte sich am 13. Juni zum 125. Mal, zum Beispiel wurde von Dr. von Gudden nach Lage der Akten begutachtet und ohne persönliche Untersuchung für verrückt erklärt. Königlicher Trost: Gudden war immerhin tatsächlich Arzt. Der gemeine Bürger bis hin zum Außenminister muss sich sein Sozialverhalten durch selbsternannte Psychologen aus den Reihen der Gegenwartsjournalisten ohne derartige Vorbildung bescheinigen und erklären lassen. Ist das ein Fortschritt?

 

Majestät brauchen Sonne

Wilhelm II suchte nach einem Platz an der Sonne für sein Kaiserreich. Seinem Wunschbild konnten Millionen Deutsche etwas Positives abgewinnen und sogar zujubeln. Inzwischen sind zumindest Dermatologen davon überzeugt, dass zuviel ungeschützter Aufenthalt an der Sonne schädlich ist. Manch einer soll schon geblendet worden sein. Die Bundesregierung hat sicher bestens besonnt entschieden: Die Energiewende ist eingeleitet. Die Rechnung zahlen die Verbraucher. Schon das imperiale Preußen wußte, dass der Weg in die Sonne Opfer fordern würde. Allzu bereitwillig erhob sich das ganze Deutsche Volk über seine Nachbarn. Am deutschen Wesen sollte fortan die Welt genesen.

Nach Fukushima ist alles anders – außer in Japan und dem Rest der Welt jenseits der deutschen Grenzen. Das überrascht nicht: Was weiß die Welt schon von den Erweckungserlebnissen deutscher Kirchentage. Während andernorts Naturwissenschaftler und Techniker Risiken der Energieerzeugung abschätzen, sind dafür in Deutschland Geistliche, Politiker und Sozialwissenschaftler zuständig. Für den gesamtgesellschaftlichen Konsens müssen alle herhalten. „Ich kenne keine Parteien mehr, ich sehe nur noch Grüne.“ glaubt man die Kanzlerin seufzen zu hören. 

 

Die Energiedebatte schien bis kurz vor dem Kabinettsbeschluss fast ausschließlich vom privaten Verbrauch zu handeln. Omas Heizdecke, Vatis Abwaschwasser oder das Wannenbad für die lieben Kleinen lassen sich doch wunderbar über Solar-Panele auf dem Dach wohlsituierter Eigenheime erzeugen. Der Staat legt auch noch etwas drauf. Aber wovon eigentlich? Vom Geld der Steuerzahler, die das womöglich in energieintensiven Industriebetrieben verdienen müssen?

Doch allein um BASF in Ludwigshafen mit Sonnenenergie auszustatten, müsste eine Fläche von 45 Quadratkilometern mit Solarzellen gepflastert werden. Wo soll diese Fläche herkommen? Die Antwort gibt‘s bei Wilhelm II. Springen wir also dem Panther gleich in die Wüste hinter Agadir. Doch dort ist es nach neuesten Erkenntnissen selbst Solarpanelen zu heiß und Sandstürme schaden der Photozelle auch. Speichertechnik für alternativ erzeugten Strom gibt es ebenso wenig wie die notwendigen Leitungen, um zum Beispiel Windenergie zum Verbraucher zu transportieren. Wie schrieb die Zeitung Sevnska Dagbladet aus Stockholm über die deutsche Energiepolitik: „Alle Hoffnungen knüpfen sich nun an eine noch nicht erfundene Technologie.“

Not macht bekanntlich erfinderisch. Manch ein Politiker scheint zu glauben, er müsse Not erzeugen, um Innovation zu erzwingen. Eine ziemlich grüne Auffassung.

 

Wer bezahlt die Energiewende? Verbraucher und Steuerzahler, wenn Mieten, Energiekosten, Wärmesanierung, Windkraftanlagen und Solarzellen aus Steuergeldern oder via Einspeisevergütung subventioniert werden. So kauft man sich dann auch die Begeisterung der Wirtschaft. Der „Figaro“ aus Paris sieht das Problem der Kanzlerin: „Angesichts des Einbruchs ihres liberalen Koalitionspartners setzt Merkel auf ein Bündnis mit den Grünen.“ Wo allein die Mehrheit zählt, müssen Sachargumente und Verstand weichen. Majestät brauchen Sonne.