Fehlt es deutschen Journalisten an Fantasie?

 

Es ist eher selten, dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung Spiegelautoren gegen Kritik verteidigt. Im aktuellen Fall um die fantasievolle Beschreibungen des preisgekrönten Textes „Am Stellpult“ von René Pfister sieht sich sogar Frank Schirrmacher, einer der Herausgeber der Frankfurter Tageszeitung, selbst zu einem Beitrag (FAZ 11. Mai 2011, S. 33) bemüht. Er stellt die Titelfrage „Haben wir erlebt, wovon wir schreiben?“ 

Worum geht es? René Pfister hatte in eine Beschreibung der Modelleisenbahn Horst Seehofers als Einstieg seine Psychogramms des CSU-Vorsitzenden genutzt. Dabei erweckte er den offenbar erwünschten Eindruck, er habe den beschriebenen Mikrokosmos des Alpenfürsten selbst gesehen. Tatsächlich kannte er ihn wohl nur aus Bildern und Beschreibungen Dritter. 

 

Immer wieder versuchen, Journalisten Nähe zum Subjekt ihrer Betrachtung zu suggerieren, in dem sie häusliche Situationen schildern, die sie selbst nicht erlebt haben.

Olaf Opitz etwa schreibt im Focus vom 6. Dezember 2010 über mich: „ Nun sitzt er am Küchentisch seiner Wilmersdorfer Wohnung und ringt um Fassung.“ Das Problem bei dieser Schilderung ist: Opitz war nie in meiner Küche und ich habe nie in Wilmersdorf gewohnt. Ist ihm aber, wie Schirrmacher in seiner Verteidigung über René Pfister schreibt, nur ein „handwerklicher Fehler“ unterlaufen? Was ist im Journalismus erlaubt? Ist die Realität zu wenig skandalös, um sie so darzustellen? Braucht es Journalisten, die die Realität veredeln?

Nun ist auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung nicht frei von „handwerklichen Fehlern“, die übrigens immer erst von Autor oder Zeitung korrigiert werden, wenn man ihr und ihm auf die Schliche kommt.

Ein Beispiel: Am 7. Dezember 2010 schrieb Peter Carstens zu den Folgen der Wikileaksveröffentlichungen über den durch Guido Westerwelle beauftragten „Aufklärer“ Martin Biesel:  „… der Staatssekretär kam erst am Mittwoch (1. Dez. 2010, Anmerkung des Verfassers) von einer Reise nach Singapur zurück und konnte sich nicht vor Erledigung von aufgelaufenen Amtsgeschäften der Parteiangelegenheit widmen.“ Folgt man der Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 8. Dezember war die Rückkehr des Staatssekretärs noch einen Tag später. Der Westerwelle-Biograph Majid Sattar schreibt darin: „Erst vergangenen Donnerstag (2. Dez. 2010, Anmerkung des Verfassers) klärte Staatssekretär Biesel – von einer Asienreise zurückkehrend – die Sache auf.“ Selbst wenn man der Zeitung glauben möchte, kann Martin Biesel nicht zweimal aus Singapur zurückgekehrt sein. Letztlich sind beide in der FAZ genannten Daten falsch. Tatsächlich ist Biesel nämlich bereits am Dienstag, 30. November 2010 wieder in  Berlin gesehen worden. Was Carstens und Sattar mit dieser Schilderung bezwecken wollten, können nur sie erhellen. Beide jedenfalls haben sich vorsichtig formuliert im Termin „getäuscht“. Vielleicht lesen sie auch die Beiträge ihrer Redaktionskollegen nicht genau. Eine Richtigstellung dieser vielleicht marginalen, aber auffälligen Begradigung der Ereignisse ist natürlich nie erfolgt.

Man möchte den Journalisten den Auftrag des Historikers Leopold von Ranke übermitteln, der seiner Zunft die schlichte Aufgabe gestellt hat, zu schreiben, „wie es eigentlich gewesen“. Das allerdings bedarf weniger der Fantasie als der Mühe, nach den Tatsachen zu forschen. 

Wie lautete doch die alte Journalisten-Erkenntnis „Die Recherche ist der Tod der Nachricht“ Und weil sie zudem noch anstrengend ist, halten es viele ganz selbstbewusst mit dem Ratschlag: „Frisch behauptet, ist halb bewiesen.“ Und mit dem Erscheinen der nächsten Zeitung gilt ohnehin: „Nichts ist älter als die Zeitung von gestern.“