Archiv für den Monat: April 2011

Ostern 2011: Hase und Maulwurf

Es grüßt in Fernsehen und auf Postern 

Der Hase frech: Wir feiern Ostern.

Und weil es nun mal ist der Brauch,

Grüߑ ich als Muntermacher auch:

Ich wünsche frohe Feiertage

Und viele Eier, keine Frage.

Die Sonne hat sich eingestellt,

Sie hüllt in Frühlingslicht die Welt.

Dem Miesmacher sei es gesagt,

Wenn er trotz Wohlstand immer klagt,

Anstatt die Trübsal anzuhecheln,

Versuche Dich im Osterlächeln.

Und Freunde, das wär‘ doch gelacht,

Wenn das die Welt nicht schöner macht.

Der Maulwurf rät von seinem Hügel:

Nimm‘ schlechte Laune an die Zügel,

Kein Mensch genießt, was um ihn blüht,

Wenn er trotz Brille gar nichts sieht.

Das Tier aus dunklem Erdreich weiß

Und gibt die Dichterwahrheit preis:

Wenn‘s auch das Augenlicht nicht tut,

Man sieht nur mit dem Herzen gut.

Statt Großem hinterher zu weinen, 

Erkenne: Dein Glück liegt im Kleinen.

In einer Geste, einem Blick

Steckt riesengroßes Frühlingsglück.

Der letzte Satz dieses Gedichts:

Ein freundlich Wort – es kostet nichts.

Geheimnis und Verrat

Am 15. April um 22.00 Uhr habe ich im Nachtcafé des SWR unter dem Titel “Geheinmis und Verrat” versucht, meine Geschichte, die Verwicklungen um die Wikileaks-Veröffentlichungen vom 29. November, zu erläutern. 

”Auch das noch” mag da mancher denken. “Hat der immer noch nicht genug?” fragen sich kritische Beobachter meines Tuns. “Warum tust Du Dir das an?” sorgen sich Freunde.

Auch fünf Monate nach dem Pseudo-Skandal um den vermeintlichen US-Spion hat mein ehemaliger Arbeitgeber noch nicht die Kraft gefunden, zur Wiederherstellung meiner Reputation beizutragen. Sicher: Die Führung der FDP aktuell ganz andere Sorgen. Angesichts der Krisen in der Welt und der Desorientierung innerhalb der deutschen liberalen Partei ist die Geschichte um die geradezu fiktiv anmutende Figur Maulwurf Metzner unbedeutend und marginal. Für mich aber ist die Wiederherstellung meines Rufes unabdingbare Voraussetzung für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit potentiellen Kunden.

Wenn die FDP das nicht sieht, muss ich eben selbst tätig werden. Im “Nachtcaf锠(siehe Videomitschnitt) habe ich wie zuvor schon im Interview mit dem Magazin “Stern” manches Missverständnis aufklären  können.  Aus den immer noch eingehenden Zuschriften von Zeitgenossen weiß ich, dass sich manches Vorurteil und Missverständnis über mein “Vergehen” hält, obwohl die Bundesanwaltschaft nicht einmal einen Anfangsverdacht zur Aufnahme eines Ermittlungsverfahrens gesehen hat. Das habe ich schriftlich auf dreizehn Seiten aus Karlsruhe.

Der ”Skandal” füllte im Dezember die Titelseiten der Zeitungen, hob die Auflagen der Magazine und bereicherte die Fernsehnachrichten. Das wirkt noch immer nach. An Aufklärung und Klarstellung hatten die selben Medien kein Interesse. Sie berichteten über die Mitteilung der Bundesanwaltschaft wenig, falsch oder gar nicht. Zu peinlich war der medialen Entrüstungsindustrie offenbar die juristische Bewertung des Sachverhalts. Deshalb arbeite ich weiter an der Wiederherstellung meiner Reputation auch wenn mich das viel Kraft kostet, unangenehme Erinnerungen konserviert und das schlechte Gewissen langjähriger Wegbegleiter wachhält. Das kann ich mir, das kann ich auch anderen nicht ersparen. Verdrängung hilft nicht. Sie verursacht nur Beschwerden.

Von Guidos Guillaume zu Donald Duck

 

Matthias Lohre hat in der taz zu meiner Person berichtet. Der umfängliche Beitrag wird hier in Auszügen wieder gegeben. Er ist um die Passagen gekürzt, die derzeit wegen falscher Tatsachenbehauptungen des Autors und der dadurch eingetretenen Verletzungen der Persönlichkeitsrechte Dritter zwischen ihm und mir in der Diskussion sind.

 

Als der Zirkus den Maulwurf jagte

HAUPTSTADT Wikileaks enthüllt im Dezember Berichte von US-Diplomaten.

Eine Quelle der Amerikaner ist Helmut Metzner, der Büroleiter des

FDP-Chefs. Für eine Woche wird das die Mediensensation: Spitzel!

Spionage! Wie ein Mensch seine Laufbahn und seine zweite Familie verlor

Wenn dieser kleine Mann ins Plaudern gerät, kommt viel zusammen. In

einem Atemzug spricht er von Demütigungen durch die Medien, von der

geliebten FDP und einem blau-gelben Hasenkostüm. In fast jeden Satz baut

er einen Scherz ein, und häufig findet er allein ihn lustig. Dann lacht

er ein Lachen, das an Donald Duck erinnert, ein eckiges “He, he, he”.

Eigentlich gibt Helmut Metzner eine miserable Besetzung ab für die Rolle

des geheimnisvollen Informanten. Trotzdem haben die Medien ihn als

“FDP-Maulwurf” bekannt gemacht, als einen, der womöglich Geheimes

ausplauderte und den Außenminister in Bedrängnis brachte. Schaut man

genau hin, geht es in dieser Geschichte nicht um Spionage. Es geht um

Macht, eine Partei in Panik und Medien im Rausch.

Montag, 29. November 2010. Für Helmut Metzner beginnt die Geschichte

damit, dass er den Spiegel sucht. Es ist 8.50 Uhr, und die

Parteizentrale der FDP in Berlin-Mitte, hat kein Exemplar bekommen.

Dabei soll es in der Titelgeschichte auch um die FDP gehen, hat Metzner

gehört. Er läuft durch die Winterkälte zum Kiosk um die Ecke. Auf dem

Magazin-Titel prangt “Enthüllt. Wie Amerika die Welt sieht – Die

Geheim-Berichte des US-Außenministeriums”. Köpfe deutscher und

internationaler Politiker sind zu sehen, darunter Merkel, Sarkozy und

Putin. Auch der Mann, dessen Parteivorsitzendenbüro Metzner seit fünf

Monaten leitet: Guido Westerwelle.

Die Spiegel-Geschichte, wird Metzner später sagen, habe er an diesem

Morgen nur überflogen. Keine Zeit, weil er schon ab 9 Uhr teilnahm an

den Sitzungen von Präsidium und Bundesvorstand seiner Partei. Keine

Zeit, darüber nachzudenken, wer dieser “geheimnisvolle Informant” sein

soll, der als “Protokollant” eifrig “Interna schwarz-gelber

Koalitionsabsprachen im Oktober 2009 an die Amerikaner” weitergab, wie

das Magazin schrieb. Keine Zeit, sich zu fragen, ob vielleicht er selbst

gemeint sein könnte. Keine Zeit? Ahnte er an jenem Morgen wirklich

nichts von der Sprengkraft, die diese Zeilen für die FDP hatten und für

ihn? Ahnte er nicht, dass ein medialer Sturm aufkam, und dass er direkt

auf ihn zuraste?

Helmut Metzner bestellt einen Darjeeling. Er hat viel zu erzählen. “Ich

bin Anfang vierzig”, sagt er. “Für die Amerikaner heißt ,jung und

aufstrebend’ etwas anderes als für Deutsche.” Für die Mitarbeiter der

US-Botschaft, die Zusammenfassungen der Gespräche mit ihm nach

Washington schickten, mag er ein junger Aufsteiger gewesen sein. Aber

gemessen an anderen Politkarrieren in Deutschland? “Ich fühlte mich

nicht angesprochen”, sagt Metzner. Seine Stimme ist hell, statt der im

Dezember berühmt gewordenen Fliege trägt Metzner eine Krawatte. Samstag

bis Donnerstag sind Fliegentage, aber Freitag ist Krawattentag. Helmut

Metzners Exzentrik hat ihre Ordnung. (Was Journalisten so alles wissen und für wichtig halten; Anmerkung HM)

Der Sturm, der ihn erfasste, hat ihn fortgetragen aus der FDP-Zentrale

in Berlin-Mitte. Nun, einige Monate später, sitzt er nur wenige

Kilometer westlich, in einem gediegenen Café in Berlin-Charlottenburg.

Er blickt zurück auf das, was er verloren hat: seine politische Heimat,

seine Karriere, seine Kollegen.

Metzner versucht, das Geschehene zu rationalisieren. Seine Erlebnisse

unterteilt er in Daten, eine Abfolge von Schriftwechseln,

Pressemitteilungen und Zeitungsberichten. Aber rational lässt sich das,

was in der ersten Dezemberwoche 2010 geschehen ist, nur bedingt erklären.

An jenem Montag, an dem der Spiegel erstmals über die

Diplomatendepeschen berichtet, tritt Guido Westerwelle gegen 13.30 Uhr

im Thomas-Dehler-Haus vor die Presse. Er bemüht sich, die

Wikileaks-Geschichte kleinzureden, spricht von seiner bevorstehenden

Reise zum EU-Afrika-Gipfel in Tripolis. Für die Hauptstadtjournalisten

ist Libyen zu diesem Zeitpunkt nur eines dieser Länder, über die nichts

zu wissen auch nichts schadet. Als Journalisten ihn auf den

“Protokollanten” ansprechen, sagt der Parteichef: “Ich glaube diese

Geschichte so nicht.” Zudem: Was der Spiegel als sensibles, an die USA

verratenes Insiderwissen verkaufe, entspreche eher dem Stand von

“Zeitungskommentaren”. Westerwelle setzt ein Lächeln auf, das

Gelassenheit ausstrahlen soll und schüttelt den Kopf: “Das ist so

unbedeutend.”

Intern ist die FDP-Führung dagegen aufgescheucht. Rainer Brüderle

schlägt vor, von allen infrage kommenden Mitarbeitern eidesstattliche

Versicherungen zu verlangen. Westerwelle lehnt ab. Die eigenen

Parteifreunde – schuldig bis zum Beweis des Gegenteils? Schließlich

kündigt er an, dass mit den fraglichen Mitarbeitern Gespräche geführt

würden. Die Suche nach dem “Informanten” beginnt.

Als Westerwelle in der Parteizentrale vor der Presse steht, betritt

Helmut Metzner drei Stockwerke darüber sein Büro. Er setzt sich an

seinen Schreibtisch und liest bei Wikileaks in den Berichten der

US-Botschaft vom Herbst 2009. Nun erst dämmert ihm: Der “Protokollant”

der Koalitionsverhandlungen zwischen Union und FDP, der Vertrauliches

ausgeplaudert haben soll – damit ist er gemeint.

Der Maulwurf muss weg

Von seinem Schreibtisch aus kann Metzner auf eine kleine Straße blicken.

Eigentlich ist sie eine lärmende Baustelle mit Schutt, Kränen und

Zäunen. Die Straße heißt “Am Zirkus” und führt zu einem

traditionsreichen Theater, dem Berliner Ensemble. Zirkus – das passt zum

Hauptstadtbetrieb der schrillen Ankündigungen, der lauten Auftritte, der

Sucht nach Applaus. Es passt zu den Zuschauern, die nah dran sein wollen

an der Sensation, die Abwechslung wünschen, von den Artisten Perfektion

erwarten. Aber auch den Patzer goutieren sie.

Und den Sturz.

Was in den folgenden Dezembertagen geschieht, wer wann mit wem redet,

wer wann was weiß – darüber möchten die anderen Beteiligten am liebsten

schweigen. Die Bundesgeschäftsführerin der FDP will sich nicht äußern,

richtet der Pressesprecher der Partei aus. Dort ist man froh, zumindest

einen Unruheherd ausgetreten zu haben, sie haben ja genug davon. Auch

Metzner hält sich zurück. So viel aber lässt sich sagen über jene Tage:

Während die Partei nach außen Gelassenheit verbreiten wollte, aktiviert

sie intern eine Art Immunabwehr. Der “Maulwurf”, wie er von nun an

genannt wird, muss weg. Die Partei ist ohnehin angeschlagen wie seit

fast einem Jahrzehnt nicht. Durch ein nicht eingelöstes

Steuersenkungsversprechen für Arbeitnehmer und ein eingelöstes für

Hoteliers. Durch einen Parteichef, der behauptet, all die Unterstützung

für Arme führe zu “spätrömischer Dekadenz”.

Zum Gespräch zwischen Westerwelle und Metzner kommt es am Montag nicht

mehr. Der Außenminister fliegt nach der Pressekonferenz in dieses Land,

das da noch keinem Journalisten eine Frage wert ist, Libyen. Auch in den

Tagen darauf, sagt Metzner, habe er den Parteichef nicht gesprochen.

“Als Politikberater kann ich nachvollziehen, dass Guido Westerwelle

nicht persönlich mit mir sprechen wollte.”

Dienstag, 30. November. Von der “Geschichte mit dem Maulwurf” schreibt

die Süddeutsche Zeitung an diesem Tag. Der SZ-Redakteur Hans Leyendecker

urteilt: Bei geheimen Gesprächen unter Diplomaten gehe es mitunter um

Leben und Tod. Verglichen damit seien die Gespräche der Koalitionsrunde

“Geschichten vom Kindergeburtstag”.

Kurt Beck von der SPD gibt sich empört: “Nicht nur Amerika hat ein

Sicherheitsproblem beim Datenschutz”, es gebe offenbar auch in

Deutschland jemanden, der “aus tiefster Kenntnis heraus” berichtet habe.

In seinem Büro schreibt Metzner eine “Stellungnahme zum Sachverhalt” für

das geplante Gespräch mit Westerwelle oder einem Vertreter. Zehn Punkte.

Sie sollen das Chaos ordnen. Ja, er habe mit Mitarbeitern der

US-Botschaft gesprochen, auch mit denen anderer Botschaften. Aber

Kontakte mit Vertretern anderer Länder, die seien bereits seit 2004

schlicht sein Job gewesen als Leiter der Abteilung Strategie und

Kampagnen in der Parteizentrale. Metzner sagt: “Ich habe damit deutlich

gemacht, dass ich zu keiner Zeit Geheimnisse ausgeplaudert und

Geheimdokumente angeboten oder gar ausgehändigt habe.”

Eine juristische Vorsichtsmaßnahme. Doch noch vertraut der Mann im

Fadenkreuz der Solidarität seiner Partei. Ist er ihr gegenüber nicht

immer treu gewesen? “Ich hab nicht mal Punkte in Flensburg”, sagt

Metzner. Auch wegen seiner Korrektheit hat die Partei ihn zum Büroleiter

des Vorsitzenden gemacht.

Als die “Maulwurf”-Debatte aufkommt, streuen Westerwelles Leute, der

Büroleiter habe nicht viel mehr getan, als den Terminkalender des

Vorsitzenden zu verwalten. Je größer der Skandal wird, desto kleiner

reden sie Metzners Rolle in der FDP.

Am Dienstagabend läuft eine bizarre Veranstaltung. Beim

“Journalistenadvent” in der FDP-Zentrale plaudern Medienleute, die seit

einem Jahr die Partei kritisieren, mit Freidemokraten. Ein Arbeitstermin

in der Verkleidung eines netten Beisammenseins. Eine Frage geht um: Wer

ist der Maulwurf? Metzner flaniert durch die Reihen. Niemand habe

gefragt, ob er der Gesuchte sei, sagt er heute.

Auch Martin Biesel ist da, ein stämmiger Endvierziger mit dem Ruf eines

Workaholic. Er war Metzners Vorgänger als Büroleiter des Parteichefs.

Nach der Bundestagswahl 2009 nahm Westerwelle ihn mit ins

Außenministerium und machte ihn zum Staatssekretär. Nun soll

Westerwelles rechte Hand die Gespräche mit den FDP-Mitarbeitern führen.

Journalisten behaupten, Biesel habe ihnen schon am Dienstagabend gesagt,

er habe einen Verdacht, wer der redselige Parteifreund sei. Metzner

sagt, Biesel und er hätten an jenem Abend nicht miteinander gesprochen.

Und Biesel selbst? Das Auswärtige Amt, in dem der Staatssekretär

arbeitet, verweist auf die FDP. Und diese schweigt.

Mittwoch, 1. Dezember. Spiegel Online schreibt an Tag drei des Skandals:

“Ärger über US-Informant – Spitzel-Drama entzweit FDP”. Brüderles

Forderung, die Mitarbeiter müssten ihre Unschuld erklären, wird

öffentlich. Der Druck wächst.

Aus dem “aufstrebenden Parteigänger”, von dem die Medien berichtet

haben, wird der “Spitzel”. Das suggeriert, der Gesuchte habe im Auftrag

der US-Botschaft die Koalitionsverhandlungen ausgehorcht. Beweise dafür

werden nicht geliefert. Doch das ist egal. Die Wikileaks-Affäre wandelt

sich, auch weil die Berichte aus Deutschland wenig Skandalöses bieten,

zur FDP-Affäre. Zur Westerwelle-Affäre.

Dieser Mittwoch ist ein erstaunlicher Tag. Der mediale Sturm tobt, und

mittendrin scheint die Partei stillzustehen. Es gibt kein Gespräch mit

Metzner. Dieser Mittwoch ist der letzte Tag, an dem er sich einreden

kann, alles könne gut werden. Denn bislang war die FDP ja gut zu ihm. Er

hat dort eine politische Familie gefunden. Heimat.

Die FDP ist seine Liebe

Helmut Metzner, 42 Jahre alt, stammt aus Bamberg in Oberfranken. Er ist

das siebte von neun Kindern. Seine Mutter ist mittlerweile 74 Jahre alt,

sein Vater tot. Als Teenager ist Metzner mal in der CSU. Ein Fehler.

Zwischen Männern, die im Bierzelt schwitzend Franz Josef Strauß

bejubeln, hält er es nicht lange aus. Auf seiner Internetseite schreibt

er später: “Ich verließ die CSU, trat zur FDP über, weil deren

Bekenntnis zur Freiheit des Einzelnen in allen Lebensbereichen genau

meiner Lebenshaltung entspricht. Bei den Liberalen kann ich sein wie ich

bin.” 

(…)

Metzner arbeitet sich hoch bis zum Kreis- und stellvertretenden

Landesvorsitzenden. 

(…)

Denn Metzner ist Teil dessen, was schnell als “Spaßfraktion” bekannt

wird: die Generation Westerwelle, die seit den Neunzigern dem

Bedeutungsverlust der Partei mit professioneller Produktwerbung

begegnet. Der Wiederaufstieg der FDP führt auch zum Aufstieg des

Kleinbürgerkindes Helmut Metzner.

Donnerstag, 2. Dezember. Gegen 11 Uhr kommt Metzner in Biesels Büro im

Auswärtigen Amt. Eine merkwürdige Situation: Ein deutscher

Staatssekretär befasst sich mit Parteiangelegenheiten. Aber Westerwelle

vertraut nur wenigen und er vertraut Biesel. Metzner übergibt Biesel

seine schriftliche Stellungnahme, in der er erklärt, mit den Amerikanern

gesprochen, aber keine Geheimnisse verraten zu haben. Jetzt weiß die

Partei offiziell: Metzner ist der Gesuchte.

Nun geht es schnell. Am eiligsten ist die Frankfurter Allgemeine

Zeitung. Um 15.53 Uhr meldet die Nachrichtenagentur AFP: “,FAZ':

Westerwelles Büroleiter informierte US-Botschaft”. Die FDP schickt eine

Mitteilung hinterher: “Der Mitarbeiter der FDP-Bundesgeschäftsstelle,

der jetzt seine Gesprächskontakte zur US-Botschaft offenbart hat, ist im

gegenseitigen Einvernehmen von seiner bisherigen Funktion als Büroleiter

des Bundesvorsitzenden der FDP entbunden worden.”

Metzner zieht seine Mundwinkel, die meist ein Lächeln formen, nach

unten. Ein Ende in “gegenseitigem Einvernehmen” nach 23 Jahren FDP? “Ich

war verärgert, auch enttäuscht. Die Behauptung, ich hätte mich

,offenbart’, suggeriert ja, ich hätte ein Geständnis abgelegt. Das habe

ich nicht. Wo kein Vergehen, gibt es auch nichts zu gestehen.”

Von jetzt an, versteht Metzner, ist sich jeder selbst der Nächste. Am

Nachmittag kehrt er in sein Büro zurück. Er nimmt persönliche

Informationen von seiner Seite www.MunterMacherMetzner.de. Aber er ist

langsam in technischen Dingen, viele Journalisten sehen noch die Fotos

von einem Fliegenträger mit Gelfrisur, ein paar lustig gemeinte

Einträge, dazu ein Lebenslauf. Was einige Journalisten dann daraus

machen, sagt wenig über Metzner – und viel über sie.

Am Abend telefoniert der Gejagte mit seiner Mutter und allen

erreichbaren Geschwistern. Mehrere Fernsehsender haben sich bei ihnen

gemeldet. Metzner sagt seiner Familie: Wenn weitere Medien anrufen,

verweist sie an die FDP-Pressestelle. Manche Verwandten sind besorgt,

andere belustigt: Der Helmut soll ein Spion ein? Ausgerechnet Helmut!

Freitag, 3. Dezember. Der Vizechefredakteur der Welt, Ulf Poschardt,

schreibt: “Helmut Metzner wirkt wie eine Karikatur jener Figuren, mit

denen die FDP-Aversion am Stammtisch gepflegt wird. Dort (und wohl auch

in der Opposition) wartet man nur auf derlei Vorlagen.”

Homophobes Rumoren

Dirk Niebel und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger verteidigen den

Gejagten öffentlich. “Das war kein Maulwurf”, sagt der

Entwicklungsminister, der Metzner gut kennt. Die Justizministerin

urteilt: “Das ist keiner, der interne Papiere rausträgt.” Aber es ist zu

spät. Metzner geht an diesem Tag nicht mehr zur Arbeit. Gegen Mittag

mailt sein Anwalt einen Schriftsatz an Gabriele Renatus, die

Bundesgeschäftsführerin der FDP. Metzner ist zu diesem Zeitpunkt nur

beurlaubt, nicht entlassen. 

(…)

Sonntag, 5. Dezember. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

schreibt über Forderungen aus der FDP an Generalsekretär Christian

Lindner. Der Cheforganisator der Partei solle sich von “Machenschaften”

lösen. Angeblich gebe es homosexuelle Seilschaften in der Partei.

Natürlich hat die FDP schwule Mitglieder. Bürgerliche, denen die Grünen

mit ihrem Weltverbessererimage nicht behagen, und denen die Union zu

piefig erscheint. Metzner ist seit 2009 Vorstandsmitglied beim Lesben-

und Schwulenverband.

Metzner und Westerwelle kennen sich von den Jungen Liberalen. Der eine

war der Chef, der andere Funktionär aus Bayern. Er sei aber nie ein

Westerwelle-Vertrauter gewesen. “Unsere Zusammenarbeit war

professionell”, sagt Metzner. “Seit ich in Berlin für ihn gearbeitet

habe, habe ich ihn mit ,Sie’ angesprochen.”

Tatsache ist: Niemand hat bis heute Beweise veröffentlicht, dass

FDP-Funktionäre einander mit Posten oder Mitteln versorgt haben, nur

weil sie dieselbe sexuelle Orientierung teilen. 

(…)

Drei Tage darauf treffen sich Metzner, sein Anwalt und Abgesandte der

FDP in einer Berliner Anwaltskanzlei. Einen Prozess vor dem

Arbeitsgericht will sich die Partei ersparen. Eine vertrauliche

Vereinbarung wird aufgesetzt, Metzner ist jetzt kein Mitarbeiter der

Parteizentrale mehr. Ob Geld geflossen ist, will er nicht sagen. Erst

Mitte Februar 2011 stellt die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ihre

Vorermittlungen ein. Er steht nicht mehr im Verdacht, Landesverrat

begangen zu haben.

Helmut Metzner trinkt seinen kalt gewordenen Darjeeling. Hat er seit

Ausbruch des Skandals mit Guido Westerwelle gesprochen? “Nein”, sagt er.

“Ich muss mich nicht erniedrigen. Ich wüsste nicht, was es zu

diskutieren gibt. Ich komm nicht wie ein Dackel an. Das hat Herr

Westerwelle auch nicht getan.”

Dann packt der kleine Mann seine Aktentasche in FDP-Gelb, seine

Handschuhe, seinen Schal. In der Parteizentrale in Berlin-Mitte machen

jetzt andere seinen Job. Westerwelle wird als Parteichef abtreten. Die

Baustelle “Am Zirkus” lärmt noch immer.

 

Die Veröffentlichung erfolgt mit Zustimmung des taz-Autors