War was?

Berlin hat in den letzten sieben Tagen zwei Reden von Interesse erlebt. Am Sonntag sprach Altbundeskanzler Helmut Schmidt beim Gelöbnis der Bundeswehr vor dem Reichstag ein großes Wort gelassen aus: “Die Deutschen bleiben verführbar.”

Und als ob das gleich in einem Großversuch nachgewiesen werden müßte, pilgerten nach offiziellen Angaben 215.000 Menschen zur Rede des Präsidentschaftskandidatenanwärters Barack Obama. Sie ließen sich verführen. Von den Ergüssen einer über Tage hinweg über sie abgeregneten Dauerwerbewolke, wurden sie an die Siegessäule geschwemmt: Junge und Alte, Europäer und Amerikaner. Tout Berlin, bot dem Heilsbringer aus dem gelobten Land die Kulisse für seine Ansprache an die amerikanischen Wähler. Kritik war nicht erwünscht. Der Demokrat dürfe nicht durch Protestaktivitäten und Unmutsbekundungen am Ablesen seiner Überschriften vom Autocue gehindert werden, meinten die Veranstalter. Senatssprecher Meng stilisierte diesen Maulkorb - hier ist er ganz Diener seiner Herren - zum Ausdruck deutschen Gastrechts. Als Redakteur der Frankfurter Rundschau war er weniger devot. Einige ließen es sich dann doch nicht nehmen zumindest vor den Absperrungen für die Redefreiheit einzutreten, die Obama, wohl aber nicht seine Besucher genießen sollten. Wie hätten sich die Berliner Berufsdemonstranten, die dem Schauspiel gestern wohl weitgehend ferngeblieben waren, verhalten, wenn die Auflage für eine Veranstaltung des derzeitigen Präsidenten in Deutschland gegolten hätte. Wir erinnern uns an Heiligendamm … Doch zurück zum Thema. Nachdem also Stern und Spiegel Obama zum “Mädchen von Seite 1″ - wahrscheinlich wurde seine Rede deshalb bei Phönix von einer Frau übersetzt - gemacht hatten, um sich in ihren Blättern dann gewohnt differenziert mit dem Phänomen auseinanderzusetzen, das sie selbst mit erzeugen halfen, waren die Erwartungen groß. Sie konnten nur enttäuschen. Tatsächlich würde man es keinem deutschen Politiker durchgehen lassen, soviele Überschriften ohne Konkretisierung vorzutragen. Aber 27 Minuten Redezeit ließen für Tiefgang keine Zeit.

Die Aura des Geschehens hat die Massen ergriffen. Die Journalisten vor Ort verloren sukzessive ihre Distanz. Die öffentlich-rechtlichen Bezahlsender ARD, RBB, ZDF und Phoenix waren alle gleich zugeschaltet. Immerhin: Klaus Kleber warnte seine Kollegen im ZDF noch kurz, nicht zu romantisch zu werden. Peter Frey erinnerte zurecht an die Sympathiekundgebung für die Opfer des Terroraktes vom 11. September im Jahr 2001, die ähnlich viele Menschen in Berlins Tiergarten geführt hatte. Doch dann war jede Distanz zum Betrachtungsgegenstand verloren.

Unbezahlbar wieder einmal allerdings der RBB. Während der unvermeidliche Ulli Zelle als Meister der Suggestion seine Gesprächspartner nach der Wirkung des wörtlich “charismatischen Redners Obama” fragte, hat ein weiterer Berichterstatter des Landessenders in der Hauptstadt “ganz distanziert” sogar den Button der Demokraten “Change. We can believe in” getragen. Der Gipfel journalistischer Unabhängigkeit wurde erreicht. Noch schnell einen O-Ton der Fraktionschefin der Linken eingefangen und schon war die Hofberichterstattung perfekt. Wer beim RBB glaubt, er würde sich ändern, täuscht sich. Wie weit die Berliner den “Change” zu mehr militärischem Engagement der Deutschen in Afghanistan nachvollziehen können, den Obama ansprach, bleibt offen. Klaus Wowereit hat das im Interview danach gefragt “so nicht verstanden.” Hier war er wieder ganz Bürgermeister seiner Berliner. Oder, wie sagte es eine Interviewpartnerin von Zelle:”Ich habe zwar nicht alles verstanden. Aber es war alles so positiv.”

Dann ist ja alles gut.

Obama-Fan-Meile

Muntermachermetzner auf der Obama-Fan-Meile mit Christopher Paun, der gegen FISA demonstriert. Ein Interview-Video findet sich bei Atlantic-Community (Zeitstempel 7:40).

4 Responses to “War was?”

  1. Christopher Paun Says:

    Ich kann es mir nicht verkneifen auf dieses Video der ACLU hinzuweisen - für weitere Infos zu FISA:

  2. Joerg - Atlantic Community Says:

    “Sie ließen sich verführen.”

    Meinen Sie wirklich? Ich habe zwar nicht mit allen 215.000 Besuchern gesprochen ;-) aber mit vielen.

    Das Ergebnis ist das Video, zu dem Sie netterweise verlinken und das m.E. sehr repräsentativ für die Stimmung am Donnerstag war. Nicht alle Besucher sind Obama-Fans. Viele sind durchaus kritisch.

    Sie haben die Berichterstattung der Massenmedien kritisiert. Wie finden Sie unser Video?

  3. Helmut Metzner Says:

    Vielen Dank für Ihren Kommentar. Tatsächlich haben sich wohl viele von ihrer Neugierde verführen lassen. Dafür spricht auch Ihr Video. Bei den Journalisten scheint inzwischen ein wenig Kater-Stimmung eingetreten zu sein (siehe ARD-Presseclub vom Sonntag). Gut, dass das Internet eine breitere Meinungsbildung ermöglicht.

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